Von Monika und Otto Köhler

Es schreit der Stein in der Mauer, und der Sparren im Gebälk gibt Antwort. Weh dem der eine Stadt mit Blut erbaut und eine Festung auf Unrecht gründet." Vor zweieinhalb Jahrtausenden schrieb dies Habakuk, der wortgewaltige Prophet Israels.

Vor 639 Jahren raste der christliche Mob durch Nürnberg. Kaiser Karl IV. hatte als "hauptverantwortlicher Schreibtischtäter" den von einer "großbürgerlichen Machtgruppe" gesteuerten christlichen "Mördern und Schlächtern" Straffreiheit zugesichert. So schreibt es Stadthistoriker Wolfgang von Stromer. 562 Juden wurden in der Nürnberger Pogromnacht vom 6. Dezember 1349 ermordet. Der Kaiser verschenkte die Häuser der Juden an seine Parteigänger unter den Patriziern und an die Stadt. Der jüdische Friedhof wurde eingeebnet, die Grabsteine als Baumaterial benutzt. Auch der Grabstein Jechiels, der schon 1330 gestorben war und "im Garten Eden" (Inschrift) ruhen sollte. Der Stein wurde geschändet, zerschnitten und um 1352 als Treppenstufe in den Südturm der Lorenzkirche eingebaut.

Der Stein schrie aus der Mauer. Keiner hat ihn gehört, Christenschuhe traten sechs Jahrhunderte lang auf dem Andenken an den toten Juden herum. Erst 1969 wurde der Stein von Juden wiederentdeckt, nach einigem christlichen Zögern ausgebaut und auf den jüdischen Friedhof gebracht.

"Siehe der Stein schreit aus der Mauer", so heißt die Ausstellung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg über "Geschichte und Kultur der Juden in Bayern". Seit 1349 baute man immer wieder mit Blut und gründete auf Unrecht. Sechs Jahrhunderte nach dem Pogrom von 1349 wurde Nürnberg zur Stadt der Reichsparteitage, der Nürnberger Gesetze, aber auch der Nürnberger Prozesse – und doch unterscheidet es sich wenig von anderen Städten in Deutschland.

Die Ausstellung ist mit 88jähriger Verspätung zustande gekommen. Denn schon um die Jahrhundertwende war aufgefallen, daß das 1853 gegründete Germanische Nationalmuseum dem künstlerischen und kulturellen Erbe des gesamten deutschen Volkes gewidmet ist, also auch seiner Juden. Um 1900 bemühte sich ein Kreis jüdischer Gelehrter gemeinsam mit der Leitung des Museums, eine Abteilung zur jüdisch-deutschen Geschichte einzurichten. Es wurde nichts daraus. Nach dem ersten Weltkrieg tobte die antisemitische Presse gegen das Vorhaben. Und nach dem Ende Hitlers? Warum dauerte es noch einmal über vierzig Jahre?

Museumsdirektor Bernward Deneke, der sich mit großem Engagement darum bemühte, daß diese Sonderausstellung jetzt endlich zustande kam, setzt sehr vorsichtig seine Worte, als drohe er mit ihnen abzustürzen, aber er sagt es: "Als unsere Vätergeneration die Museen dominierte, war das schwieriger."