Von Ute Blaich

Unter dem Trödel und Trallala, dem Kram und Krempel, dem hingetuschten Tagesflitter gibt es immer wieder Fundstücke: Entdeckungen, die beweisen, daß Bilder in Büchern für Kinder mehr sein können als glatt, bieder, nett, hübsch. Mehr als artige Verzierung. Mehr als das routinemäßig karnickelte Jahressoll etablierter Unterhaltungsspezialisten.

Einer, vor dem falsche Pädagogen sich seit langem fürchten, ist Ralph Steadman. Sein wütender, böser schwarzer Strich hat soviel Schärfe, Witz, Aggression, daß herkömmlich zeichnende Satiriker wie harmlose Hofnarren neben ihm wirken. Seine politischen Karikaturen haben die Wucht von Sprengsätzen. Wenn ein Zeichner vom Rang Steadmans "Alice im Wunderland" illustriert, entstehen monströse Spiegelbilder einer lächerlich verrückten Gesellschaft. Nichts da mit Idyll, nettem Nonsense und Niedlichkeiten. Steadman ist kein Leichtgewichtzeichner. Eben dieses: die unverbindlich nette Pinselei vermissen manche Erwachsene. So erklärt sich, daß ein Meisterstück wie die bizarr-skurrile Nachtgeschichte von Bennie, der im Krankenhaus von Willy, der Maus, träumt, anläßlich eines Treffens von Jugendbüchlern als "völlig ungeeignet" bezeichnet wird. Ungeeignet, weil Kindern keine langstieligen, "didaktisch wertvollen" Belehrungen über Krankenhäuser zuteil werden.

Dieser rabiat-pädagogische Würgegriff hat schon viele hervorragende Künstler hingemacht: die Chronik reicht von Swift bis Ungerer. Hartnäckig erfolgreiche Tradition im Kinderbuch: Kunst wird exorziert, das Mittelmaß zum öden Standard deklariert.

Was Steadman englischen Kindern und "den Schwestern von Station 3" schon vor zehn Jahren widmete, wird bei Alibaba nun auch für uns sichtbar: "Emergency Mouse", die bei Andersen Press bereits 1978 piepslebendig wurde. "Was macht die Maus im Krankenhaus?" nennt es der deutsche Verlag vorsichtig betulich. Ja, was macht sie da? Sie wuselt unter Bennies Bett. Der liegt mit krankem Kiefer auf der Kinderstation, versucht einzuschlafen und denkt sehnlichst an Willy, seine Lieblingsmaus. Während er so duselt im Fieberschlummer, wieselt eine komplette Mäuseschaft unter die hochstelzigen gußeisernen Krankenhausbetten: Mäuse-Chirurgen, Assistenzärzte, Schwestern, Pfleger, Patienten. Benni beugt sich tief über die Bettkante, um das groteske Spektakel zu sehen. Lauter graue, langgeschwänzte, großohrige Patienten: Dickmaus, Hackezahnmaus, Gipsbeinmaus, Malaria- und die Ach-Gott-bin-ich-krank-Maus (Dauergast im Spital, verfolgt von der menschlichen Zwangsvorstellung, sämtliche Krankheiten dieser Welt auszubrüten). Steadman stattet die Mäuse großzügig mit allen menschlichen Marotten, Gebrechen und Phobien aus.

Erst als morgens die schwarze Menschen-Krankenschwester mit dem Teewagen ins Zimmer gerollt kommt, hat der bizarre Spuk ein Ende. Von Meisterhand gezeichnet: furiose Federstriche, knapp, brillant. Auf vierundzwanzig Blättern die komplette Spital-Besetzung, samt der Mause-Götter in Weiß. Wunderbar. "Leider keine brauchbaren Informationen über das Krankenhaus", kritisieren die Kinderbüchler. Läßt sich das Elend der Kinderbuchkritik kürzer beschreiben?

Inspiriert vor allem von realistischen Tendenzen in der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts arbeitet der russische Künstler Gennadij Spirin. Seine Bildtafeln sind Wunder der Perfektion. Den Nuancen und Details seiner Kompositionen kann man mit der Lupe nachspüren. Jedes Wölkchen, jedes Gänsefederchen, das kleinste Löwenzahnblatt, die Bartstoppeln des Zwergs Grübelich-Weisenstein oder die Maserung eines Kiesels: Spirin malt mit der besessenen Genauigkeit alter Meister. Dieser Realismus – mehr als Realität von Augenschein – wird von manchem flott krakelnden Strichler, der sich zur Avantgarde rechnet, neidvoll als zu pedantisch oder penibel abqualifiziert. Spirin liefert keine Abziehbilder der Wirklichkeit; er beschwört Märchen und Vergangenheit.