Noch hat sie offenbar nicht begonnen, "die andere Zukunft", die IG-Metall-Chef Franz Steinkühler erst vor wenigen Tagen so eindrucksvoll für seine Organisation beschrieb. Norbert Blüm jedenfalls stieß mit seinem Vorschlag, die Arbeitswoche auf vier Tage à neun Stunden, insgesamt also 36 Stunden, zu reduzieren, auf die altbekannte Blockadepolitik.

Dabei ist des Arbeitsministers Konzept so neu nicht. Auch im Organisationsbereich der Metaller gibt es bereits heute Betriebsvereinbarungen mit ähnlichen Modellen. Und hat nicht der Tarifpolitiker Klaus Zwickel (IG Metall), der jetzt mit einem kategorischen Nein reagierte, erst vor wenigen Monaten selbst von einer Tarifpolitik à la carte gesprochen?

Gewiß, der Bundesarbeitsminister zerbricht sich gern den Kopf anderer Leute, selbst wenn sein eigener wieder einmal ob all der riesigen Reformvorhaben raucht. Darüber vergißt er dann wohl, daß die Tarifparteien, Arbeitgeber ebenso wie Gewerkschaften, es gar nicht mögen, wenn sich andere in ihr ureigenes Geschäft einmischen.

Klar ist überdies, daß Blüms Denkanstoß kein Patentrezept für alle Arbeitnehmer sein kann. Vielleicht reagieren die Interessenvertreter beider Lager gerade deswegen so empfindlich, weil sie im Grunde wissen, daß die Zeiten des tarifpolitischen Einheitsbreis längst der Vergangenheit angehören. Immer kürzere Arbeitszeiten lassen sich nicht ohne größere Flexibilisierung in die Praxis umsetzen. Die Forderungen der Industrie nach längerer Nutzung ihrer teuren Maschinen sprechen dafür ebenso wie die zunehmenden Wünsche der Arbeitnehmer nach stärkerer Gestaltung ihrer Arbeitszeit.

Für viele berufstätige Mütter beispielsweise hat der ideale Arbeitstag sechs Stunden, damit ihnen mehr Zeit als heute für die Familie bleibt. Alleinstehende dagegen oder kinderlose Paare würden sich einen zusätzlichen freien Tag pro Woche gern durch längere Arbeitszeit an den verbleibenden Tagen erkaufen. Sie wären froh, einmal weniger im morgendlichen und abendlichen Stau zu stecken, und hätten überdies noch das Gefühl, Straßen und Umwelt zu entlasten.

Auf einen Nenner lassen sich diese Vorstellungen sicher nicht bringen. Arbeitszeiten nach Maß aber kommen nicht nur den Bedürfnissen des einzelnen entgegen, sie könnten womöglich gar die ganze Debatte um den Ladenschluß im Einzelhandel überflüssig machen. An warmen Sommerwochenenden wäre die schreckliche Fülle in Schwimmbädern und an den Stränden vorbei, und im Winter würde die Fahrt ins Skigebiet – ohne stundenlange Wartezeiten auf Autobahnen und an Liften – wieder Spaß machen. Noch sind das alles nichts als Träume. Denn natürlich macht eine derartige Vielfalt die Aufgaben von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, Unternehmern und Personalleitern nicht einfacher. Deshalb sind sie sich in ihrer Abwehr auch weitgehend einig.

Die Arbeitnehmerorganisationen haben darüber hinaus noch weitere Hürden zu nehmen. Die Flexibilisierung läßt sich nicht erreichen, wenn nicht zwei hart erkämpfte Errungenschaften aufgegeben werden: der freie Samstag und der Acht-Stunden-Tag. Doch diese Kröten müssen die Gewerkschaften wohl schlucken, wenn sie nicht auf Dauer eine Politik machen wollen, die an den Interessen ihrer Mitglieder vorbeigeht. 1990 beginnt die nächste Arbeitszeitrunde. Bis dahin haben die Tarifpartner noch Zeit zum Umdenken. Erika Martens