Von Hans Otto Eglau

Hermann Josef Strenger präsentierte sich in Japan ganz als Chef eines Weltkonzerns. "Wie im geschäftlichen Bereich Europa, USA und Japan eine überragende Rolle spielen", so der Bayer-Chef anläßlich der Einführung der Aktie seines Unternehmens an der Tokioter Börse, "so bilden diese Regionen auch in der Forschung und Entwicklung das Dreieck, in dem unsere Zukunft entschieden wird."

Strenger beließ es nicht bei wohlklingenden Worten: Direkt nach der feierlichen Präsentation im feinen "Okura Hotel" brach Ernst-Heinrich Rohe, der im Leverkusener Konzernvorstand für den japanischen Markt zuständig ist, in die Nähe der alten Kaiserstadt Kyoto auf – auf der Suche nach geeignetem Areal für ein ehrgeiziges Bayer-Produkt: ein Pharmaforschungszentrum für 400 Wissenschaftler und Hilfskräfte.

Mit ihrem Stützpunkt wollen die Bayer-Manager in einem Markt mitmischen, der weltweit zu den innovativsten und wachstumsträchtigsten zählt: Getragen vom steil ansteigenden Arzneimittelverbrauch einer alternden Bevölkerung, wird die fernöstliche Exportmacht auch in der Pharmabranche zu einer ernsthaften Konkurrenz für amerikanische und europäische Konzerne. "Ich schätze, daß im Laufe der nächsten fünf Jahre unter den zwanzig weltweit führenden Pharmaunternehmen fünf japanische Hersteller rangieren werden", prognostiziert Klaus Jülicher, Präsident der Pharmatochter Bayer Yakuhin Ltd. in Osaka.

Bislang schaffte erst ein japanisches Unternehmen, Takeda, den Sprung in die von Merck & Co. (USA), Hoechst (Bundesrepublik) und Ciba-Geigy (Schweiz) angeführten "Top 20". Doch dürften schon bald weitere Firmen in die Spitzengruppe vorstoßen. Dafür spricht allein die Dynamik des Heimatmarktes. So erwartet Bayer-Konkurrent Hoechst, daß sein Pharmageschäft in Japan bis 1992 um jährlich fünfzehn Prozent auf 1,5 Milliarden Mark zunimmt – für Westeuropa wird nur ein durchschnittliches Jahresplus von acht Prozent erwartet. Hoechst-Vorstandsmitglied Hansgeorg Gareis: "Japan ist für den innovativen Arzneimittelhersteller zu einem der interessantesten Märkte geworden."

Zweifel an der optimistischen Marktprognose sind kaum angebracht. Bei einer Zunahme der Bevölkerung, derzeit 122 Millionen, um jährlich nur noch 0,4 Prozent bis zum Jahre 2000 wird der Anteil der über 65jährigen gleichzeitig mit einer Durchschnittsrate von 3,4 Prozent wachsen. Im Jahre 2015 wird das Land mit einem Durchschnittsalter von 42 Jahren weltweit eine der ältesten Bevölkerungen haben. Jeder fünfte Japaner wird dann älter als 65 sein. Entfielen 1977 erst 27 Prozent der Ausgaben für medizinische Versorgung auf diese Altersgruppe, so war es fünf Jahre später schon ein gutes Drittel.

Um den naturgewollten Pharmaboom in erster Linie der heimischen Industrie zugute kommen, zu lassen, hat das japanische Gesundheitsministerium (Koseisho) die Hersteller unter starken Innovationsdruck gesetzt. So werden alle zwei Jahre die von den Kassen vergüteten Arzneimittelpräparate von der Regierung spürbar gekürzt. Folge: Wer keine neuen Substanzen entwickelt, muß schmerzhafte Gewinneinbußen hinnehmen. Mit dieser Innovationspeitsche hat das Koseisho die Industrie praktisch gezwungen, ihre Laboraufwendungen kräftig zu steigern. Doch ohne Zuckerbrot zur Peitsche wäre dieses Steuerungssystem nicht typisch japanisch. Um die investierten Millionen über den Preis wieder hereinzuholen, kann der Hersteller für neue Wirksubstanzen mit Beginn der Patentanmeldung eine Patentlaufzeit von grundsätzlich zwanzig Jahren in Anspruch nehmen. Und wenn das auch in Japan langwierige Registrierungsverfahren für ein Patent fünf Jahre übersteigt, wird der Schutz sogar noch verlängert. In der Bundesrepublik dagegen können forschende Pharmafirmen wegen des zeitaufwendigen Zulassungsverfahrens den Patentschutz erheblich kürzer – vielfach nur sieben bis acht Jahre – wirtschaftlich voll nutzen. Tokio gewährt der Industrie für ein Medikament unabhängig von der Laufzeit des Patentschutzes der darin enthaltenen Wirksubstanz für die Dauer von sechs Jahren de facto eine Monopolstellung. Dieser Schutz vor Imitationen tritt sogar dann in Kraft, wenn das Patent längst abgelaufen ist.