Trotz aller Skepsis hoffen die Amerikaner auf einen Wandel in den Beziehungen der Supermächte

Von Daniel Yankelovich und Richard Smoke

Die amerikanische Öffentlichkeit ist bereit, sich auf den Versuch einzulassen, den Kalten Krieg zu beenden. Dieses "neue Denken" in Amerika jedoch unterscheidet sich in wenigstens einem wichtigen Punkt von Michail Gorbatschows "neuem Denken" über die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen. Gorbatschow scheint rasche Veränderungen anzustreben. Die Amerikaner dagegen bestehen auf einem vorsichtigen Vorgehen, das es ihnen erlaubt, Schritt für Schritt den guten Willen der Sowjets auf die Probe zu stellen. Der Durchschnittsamerikaner will zwar neue Möglichkeiten ausloten, ist jedoch nicht in der Lage, vierzig Jahre Mißtrauen und Feindseligkeit einfach beiseite zu schieben. Die öffentliche Meinung in den USA ist geprägt durch die Enttäuschung über die Entspannungspolitik der siebziger Jahre. Man hat das Gefühl, daß die Sowjets die Vereinigten Staaten damals übervorteilt hätten, und man will nicht noch einmal "ausgetrickst" werden.

Der Umgang zwischen den Großmächten verlangt viel Fingerspitzengefühl auf beiden Seiten. Nur so kann die Gefahr vermieden werden, daß aus diesem unterschiedlichen Schrittempo über Jahre hinaus Schwierigkeiten erwachsen. Keine neue amerikanische Administration wird bereit oder in der Lage sein, ein schnelleres Tempo anzuschlagen als die amerikanische Öffentlichkeit. Andererseits ist aber auch die Einstellung der amerikanischen Bevölkerung im Wandel begriffen. Trotz aller Ambivalenzen verändern erstaunliche Verschiebungen im Meinungsbild auf radikale Weise den Spielraum einer künftigen amerikanisch-sowjetischen Politik.

Wachsame Aufgeschlossenheit

Die gegenwärtige Einstellung der Amerikaner zur Sowjetunion unterscheidet sich von allem, was wir in den vergangenen vierzig Jahren erlebt haben. Sie hat nichts mehr gemein mit den gemischten Gefühlen der jüngsten Zeit, der Furcht vor einem Atomkrieg. Sie unterscheidet sich deutlich von der Stimmung zu Anfang der achtziger Jahre, als die Amerikaner nachdrücklich für eine massive Aufrüstung votierten. Sie unterscheidet sich von der Stimmung der frühen siebziger Jahre, als die Amerikaner allzu optimistisch auf die Chancen der Entspannung setzten. Und sie hat nichts zu tun mit der Atmosphäre des Kalten Krieges der fünfziger und frühen sechziger Jahre. Die Mehrheit der Amerikaner ist heute weder an einer weiteren Aufrüstung noch an überstürzter Freundschaft mit den Sowjets interessiert.

Die gegenwärtige Stimmung kann als wachsame Aufgeschlossenheit charakterisiert werden: eindeutig hoffnungsvoll und vorsichtig zugleich. Die Menschen hoffen darauf, daß es schon bald zu einem weitreichenden – vielleicht sogar zu einem historischen, fundamentalen – Wandel in den Beziehungen zur Sowjetunion kommt. Die Nation ist bereit, sich mit der Aussicht auf einen fundamentalen Wandel anzufreunden, wenn er den Interessen Amerikas entspricht. Das "wenn" jedoch wird dabei großgeschrieben. Das Land ist weiterhin skeptisch und mißtrauisch in der Beurteilung der Sowjets. Sollte sich der Wandel als Falle entpuppen, werden die Amerikaner nicht aus der Fassung geraten; sie sind ebenso bereit, sich auf eine neue Runde des mühseligen weltweiten Wettbewerbs einzulassen.