Mit der Neufassung des Buches "Neidhart aus dem Reuental" ist Dieter Kühns Mittelalter-Trilogie vollständig

Von Ulrich Müller

Dieter Kühn könnte mit seiner "Trilogie des Mittelalters" in die Literaturgeschichte eingehen als Erfinder einer neuen Textsorte, die sich im Gelehrtendeutsch vielleicht als "subjektiv-investigative Künstler-Biographie" bezeichnen läßt. Die Mittelalter-Trilogie Kühns war nicht von Anfang an so geplant, sondern sie entwickelte sich im Laufe der Jahre, beflügelt wohl auch durch den Erfolg des ersten Buches aus dem Jahr 1977.

Pünktlich zum mutmaßlich 600. Geburtstag des Oswald von Wolkenstein, des wohl bedeutendsten Lyrikers und Liedermachers zwischen Walther von der Vogelweide und Goethe, veröffentlichte Kühn damals die Biographie "Ich Wolkenstein". Sie stieß bei Publikum und Kritik auch deswegen auf Interesse, weil seit einigen Jahren Mediävisten und Musikwissenschaftler auf diesen erstaunlichen Autor aufmerksam gemacht hatten.

Kühn stand bei der Arbeit an seinem Buch in ständigem Kontakt mit der zu jener Zeit besonders intensiven Wolkenstein-Forschung, und er verstand es, allerneueste Forschungsergebnisse aufzunehmen, zu verarbeiten und auch weiterzudenken. Seine persönliche Annäherung an den mittelalterlichen Kollegen sowie seine Zusammenarbeit mit der Fachwissenschaft sind beide intensiv in das Buch eingegangen, nicht nur in Form eines danksagenden Vorwortes, eines einleitenden subjektiven Bekenntnisses oder von Anmerkungen und Fußnoten, sondern vielmehr innerhalb des fortlaufenden Erzähltextes.

Auf diese Weise entstand eine wissenschaftlich fundierte, an neuesten Kenntnissen sich orientierende und überdies sehr gut geschriebene Biographie, die nicht nur von Werk und Person des Wolkensteiners handelt, sondern die auch den Erkenntnis- und Arbeitsprozeß Kühns mit in die Darstellung einbezieht. Die inhaltlichen und darstellerischen Qualitäten, ein Vorabdruck in der Frankfuter Allgemeinen sowie das allgemeine Interesse an dem behandelten Autor bescherten Kühn einen verdienten, von ihm und dem Verlag aber in diesem Ausmaß wohl nicht erwarteten Erfolg.

Für die Taschenbuch-Ausgabe (1980) hat Kühn das Buch an einigen Stellen leicht bearbeitet, und für die "Trilogie"-Ausgabe nun fügte er einen Nachtrag über den "wiedergefundenen Wolkensteiner" hinzu. Er äußert dort die Sorge, daß Oswald, der möglicherweise 1973 bei der Restaurierung der Kirche des Klosters Neustift bei Brixen unwissentlich exhumiert wurde, noch für lange Zeit eine postume Existenz in zwei gerichtsmedizinischen und anthropologischen Instituten von Linz und Bern fristen müsse.