Rehabilitiert: Zemlinsky

Von Peter Fuhrmann

Es war wohl ein letzter Verzweiflungsausbruch: Sieben Jahre vor seinem Tod im amerikanischen Exil beschloß der vierundsechzigjährige Alexander Zemlinsky seine keineswegs von durchschlagenden Erfolgen gekrönte Kompositionstätigkeit mit der Vertonung des 13. Psalms "Herr, wie lange willst du mein vergessen?" – das in der Washingtoner Kongreßbibliothek aufgefundene Manuskript blieb bis zur Uraufführung 1971 unbekannt.

Das Chorwerk, das auffallend streng in der kontrapunktischen Ausarbeitung ist und mancherlei Assoziationen zum Werk Gustav Mahlers, etwa an die achte Sinfonie, weckt, entpuppt sich als verschlüsselte Klage. Die Anfangszeile ist fast wörtlich und persönlich aufzufassen: Zemlinsky, als ehedem bedeutender Dirigent und Pädagoge in hohem Ansehen, war 1935 sehr krank und als Komponist gänzlich in Vergessenheit geraten. Der wie zum Trost geäußerte Satz seines ungleich bekannteren Schülers Arnold Schönberg, Zemlinskys Zeit werde noch kommen, hatte sich gegen dessen Lebensende als Utopie erwiesen, Euphorie war in tiefe Niedergeschlagenheit verkehrt. Gleichwohl wirkt die Komposition wie ein Gebet, noch in der Verzweiflung zur strahlenden D-dur-Schlußapotheose erhoben.

Riccardo Chailly, der scheidende Chefdirigent des Radio-Symphonie-Orchesters Berlin, interpretiert auf seiner Zemlinsky-Platte diesen "Schwanengesang" ganz in der "Tradition im Umkreis der Wiener Schule". Als Italiener entdeckte er in der beigefügten Aufnahme der sinfonischen Dichtung "Die Seejungfrau" – die nach der Uraufführung im Jahre 1905 erst wieder 1984 als Partitur auftauchte – eine glutvolle Theatermusik mit der melodischen Expressivität seines Landsmannes Giacomo Puccini. Ein typisches Werk des üppigsten musikalischen Jugendstils.

Ist heute – ein knappes Jahrhundert nach seinem Tod – die Zeit für Alexander Zemlinsky gekommen? Hat er jetzt lange genug gewartet? Steht uns nun eine Zemlinsky-Renaissance ins Haus – wie in den sechziger Jahren ein plötzlicher Mahler-Boom einsetzte? Sicher nicht; doch seine Bedeutung wächst: mit zunehmender Berücksichtigung der Liederkompositionen, wie auch der Klavier-, Kammer- und Orchestermusik, etwa der Sinfonien, im Konzertsaal; durch häufigere Darstellungen der musikdramatischen Werke – in Berlin, Kiel, Venedig, Nürnberg, Hamburg; auch durch ein wachsendes Schallplattenangebot. Zemlinskys Werke bedürfen wohl – will man ihre Blößen mit Größe kompensieren – des hohen interpretatorischen Rückhaltes: wie etwa durch das La-Salle-Quartett bei den vor einem Jahrzehnt auf den Markt gekommenen Streichquartetten (DG 2741016 IMS). Populär geworden ist übrigens mittlerweile die "Lyrische Symphonie op. 18", deren sieben Gesänge (nach Gedichten von Tagore) Bernhard Klee Anfang dieses Jahrzehnts mit dem Berliner RSO einspielte – ergänzt durch die "Sechs Gesänge op. 13" (Schwann 11 602)

Schon Mitte der sechziger Jahre hatte sich der Schweizerische Rundfunk des 1917 in Stuttgart uraufgeführten Einakters (nach Oskar Wilde) "Eine florentinische Tragödie" angenommen, deren Orchester-Air und deren erotische Klangschwüle dem ausladenden Klangraffinement veritabler Strauss-Piècen kaum nachstehen – freilich ohne das nach eigenem Geständnis fehlende "gewisse Etwas" zu erreichen, "um ganz nach vorne zu kommen". Zusammen mit dem 1922 uraufgeführten zweiten Einakter "Der Geburtstag der Infantin" – ebenfalls nach Oskar Wilde – hat Gerd Albrecht jene genuine Theatermusik nach der Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper (1981) für die Schallplatte aufgenommen: in ausnehmender Textverständlichkeit und mit einem phänomenalen Gespür für das auf Kontrast und Proportion angelegte instrumentale Beiwerk. Finanzielle Gewinne sind wohl einstweilen mit derlei Raritäten nicht zu erzielen. Kein Wunder, daß der bis dahin sich erstaunlich profilierende Düsseldorfer Schwann-Verlag in seinem Bekennermut kommerziell reichlich übernommen hatte. Weitere Objekte kamen zu Fall.

Gerd Albrecht, der mehr als jeder andere Dirigent in die verborgenen Nischen des Verschollenen und Vernachlässigten eingedrungen ist und der nicht locker läßt, wenn er von der Qualität einer Sache überzeugt ist, fand schließlich in Köln einen kapitalkräftigeren Förderer für ein weiteres Projekt: "Der Traumgörge". Ein in der Fachwelt hochgeschätztes Frühwerk, das Zemlinskys Karriere als Komponist gewiß eine andere Richtung gegeben hätte, wäre es vor der fest vereinbarten Uraufführung an der Wiener Hofoper nicht von Felix von Weingartner, dem Nachfolger Gustav Mahlers, vom Spielplan abgesetzt worden. Die erste szenische Realisierung hatte 1980 im Nürnberger Opernhaus stattgefunden. Nun ist es als Schallplatten-Weltpremiere herausgekommen. Unter Albrechts kenntnisreicher Führung geraten die komplexe stilistische Vielfalt wie der durchgängig eruptive Klangduktus niemals aus den Fugen: Vollblutmusik, deren sinnliche Komponente fasziniert und die immer wieder auf die Orchestrierungskünste eines Richard Strauss verweist.

Rehabilitiert: Zemlinsky

Denkbar, daß wir am Ende des Zemlinskyschen Rehabilitations-Jahrzehnts für solche Art Koloristik und psychologisierende Musiktheatralik wieder offener sind als zu Beginn. Überhebliches Fragen nach der (mangelnden) Kraft jener expressionistischen Klanggemälde ergibt in der kompositorischen Dürre der Jetzt-Zeit gewiß andere Antworten als vor noch wenigen Jahren – erst recht distanziert sich unsere Zeit von der schroffen Sentenz böser Zungen, in der von "zu Recht vergessenen Meisterwerken" die Rede ist. Gewiß gab es Gründe für Zemlinskys Vernachlässigung, nach denen seine musikdramatischen Werke wohl nicht die stärksten, wohl aber wirksamsten Partituren der "Tradition im Umkreis der Wiener Schule" sind. Gleichviel müßte Zemlinskys Wartezeit eigentlich endgültig vorüber sein.

Neue Platten mit Musik von Alexander Zemlinsky:

  • "Die Seejungfrau" "Psalm XIII, op. 24";

Radio-Symphonie-Orchester Berlin, Kammerorchester Ernst Senff, Leitung: Riccardo Chailly; Decca 417 450

"Eine florentinische Tragödie";

Guillermo Sarabia, Kenneth Riegel, Dors Soffel, RSO Berlin, Ltg: Gerd Albrecht; Schwann 1625

"Der Geburtstag der Infantin";

Rehabilitiert: Zemlinsky

Inga Nielsen, Beatrice Haidas, Kenneth Riegel, Dieter Weller, Frauenstimmen des RIAS-Kammerchores, RSO Berlin, Leitung: Gerd Albrecht; Schwann 116226

"Die Traumgörge";

Janis Martin, Josef Protschka, Jugend- und Figuralchor des Hessischen Rundfunks, Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt, Leitung: Gerd Albrecht; Capriccio 10 241/42