Von Volker Hage

Graham Hendrick, verheiratet, Historiker, ist in Fragen der Moral etwas altmodisch – anders als sein Freund, der Schriftsteller Jack Lupton. Graham ist irritiert. "Heutzutage war alles bloß Wichsen und Ficken und Scheißen, und niemand dachte sich groß was dabei. Er selbst sagte auch ,Scheiße‘; manchmal, privat. Jack redete natürlich ganz salopp von Wichsen und von Ficken ebenso. Graham war in der Verwendung beider Ausdrücke noch etwas zögernd."

Graham hält seiner Frau Barbara seit fünfzehn Jahren die Treue. Sie haben eine Tochter zusammen, an der der Vater aber – zur eigenen Überraschung – nicht besonders hängt. "Er freute sich, wenn sie gut in der Schule war, bezweifelte aber, ob sich diese Freude wirklich unterscheiden ließ von der Erleichterung darüber, daß sie in der Schule nicht schlecht war."

Im Alter von 38 Jahren, genau am 22. April 1977, passiert es Graham: Auf einer Party von Jack lernt er, der sich schon "ein bißchen pensioniert" vorkommt, Ann kennen. Ann ist Anfang dreißig, ledig und hinreißend. Trotzdem: erst "nachdem er sich selber dazu überlistet hatte, mit ihr auszugehen", landet Graham endlich in ihrem Bett. Und es wird dabei – so ist er nun einmal – nicht bleiben.

Der Roman "Als sie mich noch nicht kannte" ist im englischen Original vor sechs Jahren erschienen, noch vor "Flauberts Papagei", jenem Buch, mit dem der britische Schriftsteller Julian Barnes – er wurde 1946 geboren und lebt in London – auch bei uns auf einen Schlag bekannt wurde. Barnes ist ein Mann der treffsicheren Formulierung, des ironischen Untertons, ein Meister jenes Parlandos, das traditionellem Erzählen die nötige Würze gibt:

"Anns Freundinnen behaupteten, wenn man erst mal dreißig sei, seien die meisten Männer, die man kennenlerne (außer man betätigte sich als Kindsräuberin), entweder homosexuell, verheiratet oder psychotisch, und davon seien die Verheirateten ganz klar am besten. Sheila, Anns engste Freundin, vertrat die Ansicht, Ehemänner seien Junggesellen auf jeden Fall vorzuziehen, weil sie besser röchen: Ihre Frauen würden die Kleider regelmäßig in die Reinigung bringen."

Nun kommt es natürlich immer wieder einmal vor, daß aus fremden Ehemännern eigene werden: Ann jedenfalls hat ihren Graham bald ganz für sich – vielleicht gerade, weil sie es nicht darauf anlegte. Und schon beginnen die Probleme.