Schwer zu glauben, daß das schon alles war: Aber das Rennen um den Spitzenkandidaten der SPD für die bayerische Landtagswahl 1990 ist zu Ende, bevor es anfangen konnte. Kampflos bleibt das Feld dem Platzhirsch Karl-Heinz Hiersemann überlassen, nachdem Peter Glotz seine Kandidatur in der vergangenen Woche zurückzog. Seinem Entschluß ging keine große Auseinandersetzung voraus, sondern nur eine Sitzung des bayerischen SPD-Vorstandes, der sich mit 16 Stimmen für Hiersemann aussprach und mit keiner für Glotz. Der "Wettbewerb von Ideen und Personen", den Glotz den bayerischen Genossen versprochen hatte, war damit erledigt.

Schade: Noch aus dem Grabe heraus hat Franz Josef Strauß der bayerischen SPD den letzten Zahn gezogen. Die geräuschlose Art, in der die CSU nach dem Begräbnis die Thronfolge in Partei und Regierung regelte, hat die SPD so sprachlos gemacht, daß sie glaubte, sich selber ebenfalls keine innerparteilichen Diskussionen mehr leisten zu können. Mit ihrer Panikreaktion bestätigte sie einmal mehr die Einschätzung von Gerold Tandler, dem bayerischen Finanzminister, der schon als CSU-Fraktionschef im Maximilianeum "Auflösungserscheinungen" auf der linken Seite des bayerischen Landtags wahrnahm. Der Autoritätsverfall" der SPD war für ihn "erschütternd".

Seine Klage war nicht einmal mehr scheinheilig, sondern nur noch eigennützig. Je deutlicher die SPD zeigte, daß sie kein politisch ernst zu nehmender Gegner mehr war, weil ihr Motivation und Ziel fehlten, desto übermächtiger wurde der Trieb der CSU, sich in den eigenen Reihen Opposition zu machen. Die zahlreichen Streitigkeiten an der CSU-Basis legten davon beredt Zeugnis ab. Lachende Dritte waren häufig freie Wählergemeinschaften, die in den letzten Strauß-Jahren anfingen, sich organisatorisch zu stärken. Nicht die SPD, sondern die sogenannten "Freien", die oft nur trojanische Pferde der CSU waren, wagten sich in Niederbayern mit der Parole vor: "Unser Hauptgegner ist die CSU."

Das war die Lage, als Peter Glotz als SPD-Bundesgeschäftsführer a.D. nach Bayern zurückkehrte. Im Sommer 1987 war er Vorsitzender des SPD-Bezirks Südbayern geworden und fest entschlossen, Aufbauhilfe zu leisten. Bei der letzten Landtagswahl hatte die SPD mit Karl-Heinz Hiersemann an der Spitze und 27,6 Prozent bei den Wählern ihr schlechtestes Ergebnis seit 1946 erzielt. Ihr Mitgliederschwund mußte gebremst werden. Sie hatte Probleme, präsent zu bleiben. Selbst für ihre Anhänger ist sie als Parteiorganisation in Bayern nicht überall erreichbar. Glotz fing in seinem Bezirk an, Ortsvereine zu gründen und Listen aufzustellen. Die gab es in einer Reihe von Gemeinden noch nicht. Nach Berechnungen von Parteistrategen könnte sich die SPD in Bayern auf diese Weise noch etwa eintausend kommunalpolitische Mandate holen. Sich den starken "Lokalismus" der Bayern zunutze zu machen – gegen die Großkopfeten, gegen zentrale Strukturen, gegen München und die Rationalität der Apparate und die Strategien der Parteihierarchen –, wäre für die SPD eine realisierbare Ambition gewesen. Aber auch dieses Vorhaben hatte schon Widerstand gegen Peter Glotz geweckt. Die fruchtlosen Jahre, in denen sie nur auf die Überfigur Strauß fixiert war, hatten die SPD unbeweglich gemacht.

Zudem fiel es den bayerischen Sozialdemokraten schwer, mit Peter Glotz warm zu werden. Seine Pläne kamen vom Reißbrett des Parteistrategen, nicht vom Stammtisch der Genossen. Vielleicht wollte er auch zuviel auf einmal: Den Entschluß, die Partei mit seiner Spitzenkandidatur auf Trab zu bringen, hatte er einsam getroffen, ohne Rücksicht auf das Ruhebedürfnis der Genossen und auf ihre Schwäche.

Dennoch: Schwer zu glauben, daß die bayerische SPD so billig davonkommen soll.

Nina Grunenberg