Kronos Quartett: "Winter was hard"

David Harrington, John Sherba, Hunk Dutt und, als einzige Frau, Joan Jeanrenaud – ihre Namen müßte man sich wie bei manchem legendären Quartett einzeln merken. Extraordinär sind sie in allem: im Äußeren, im Kommerziellen, im Können vor allem in der Vielseitigkeit ihres ausgetüftelten Repertoires. Die neue Platte ist ein Musterbeispiel; sie enthält neun Stücke aus der Zeit zwischen 1911 und 1988. Das längste dauert knapp zwanzig Minuten – das Quartett Nummer 3 von Alfred Schnittke – das kürzeste, ein skurriles Eigenarrangement, nicht einmal vierzig Sekunden. Ehe man jeweils von einer zur anderen Überraschung überwechselt, ist die Versuchung groß, das zuvor Gehörte noch ein paarmal zu repetieren: Die zu Herzen gehende nordische Klage des Titels "Winter was hard" von Aulis Sallinen mit dem San Francisco-Girls-Chorus und einer Rohrblatt-Orgel; den scharf attackierenden Minimalsound von Terry Riley ("Half-Wolf-Dances mad in moonlight"); das archaisierende Ikonen-Suggestiv von Arvo Paerts "Fratres", das einen nicht losläßt; Anton Weberns "Sechs Bagatellen Op.9"; John Zorns rasante elektronisch manipulierte Piece "Forbidden-Fruit" (1987); auf der zweiten Plattenseite schließt sich "Bella by Barlight" an, eine U- und E-Musik vermischende Komposition von John Lurie, die auf einem Ostinato-Zupfbaß basiert; zünftig auch "Four, for Tango", ein Stück, das Astor Piazzolla im vergangenen Jahr konzipierte; neben Schnittkes veritabler Quartett-Nummer dann Samuel Barbers leicht kitschiges "Adagio" von 1936 und die wahrlich mit "Streichquartett" nicht in Zusammenhang zu bringende Kurzgeschichte "A Door Is Ajar" (1988). Musik-hören macht hier unbändigen Spaß. (WEA 979 181)

Peter Fuhrmann