Von Katharina Rutschky

Mit ziemlicher Verspätung, aber für eine im Zeichen von Aids wieder frisch pädagogisch aufgelegte Leserschaft jedweder sexueller Präferenz immer noch beziehungsweise schon wieder viel zu früh, trifft bei uns die Übersetzung der Autobiographie eines Engländers ein, den zu kennen für so gut wie jedermann eine peinliche Prüfung wäre – auch heute noch. Es ist eine Sache, im sicheren Sessel vor dem Fernseher oder in der Rolle des Berlintouristen sich bei Darbietungen mit Titeln wie "Die Herren Damen lassen bitten" angenehm zu gruseln – eine andere, im Supermarkt an der Ecke mit solchen Wesen konfrontiert zu werden. Das Dumme bei feminin empfindenden Homosexuellen mit starken exhibitionistischen Neigungen ist nämlich, daß sie sich auch genau wie Schwuchteln aufführen, anziehen, reden und dabei auf keinen Fall übersehen werden wollen.

Auch Quentin Crisp, Jahrgang 1908, tat, was in seiner Macht stand, um aufzufallen und Anstoß zu erregen als Mann, der sich als Frau verkleidete und exakt als dieses Mischwesen um Liebe oder ihr Äquivalent, öffentliche Aufmerksamkeit, einen lebenslangen Kampf führte.

Gewiß ist es nett, daß keine vom Gesetz und sittlich erregten Bürgern ermunterte Polizei heute mehr das Recht oder gar die Pflicht hat, solche Leute zu drangsalieren; dadurch, daß sie ihr Unglück mit dem Verweis auf die gesellschaftliche Repression nicht mehr kaschieren können, ist es aber, so paradox es klingt, für sie viel sichtbarer, fühlbarer geworden – als ob es erst heute, nach der Liberalisierung, die Stunde eines emphatischen Existentialismus geschlagen hätte, heute, wo für alle Minderheiten Toleranz oder psychologischtherapeutisches Verständnis landauf, landab geboten wird.

Keine Gesetzesreform, nichts und niemand kann dem Homosexuellen das Gefühl der Schande nehmen, das mit seinem unabwendbaren Schicksal nun einmal gegeben ist. Das behauptet jedenfalls Quentin Crisp, und ich bezweifle nicht, daß er recht hat – schon darum nicht, weil mir außer Yukio Mishima in "Geständnis einer Maske" kein anderer Autor einfällt, der sich mit vergleichbar krasser Aufrichtigkeit und Intelligenz des Themas angenommen hätte.

Kraß ist auch der sarkastische Witz, der spürbare Zwang zu Bonmots und endgültigen Formulierungen, der den Autor Crisp treibt und ihn auch im Leben zu jener bizarren, jetzt als "Crisperanto" sprichwörtlich gewordenen Redeweise beflügelte, und von der er einmal sagte, sie habe ihn, unvorsichtig gehandhabt, öfter an die Grenze jedweden Sinns gebracht. Es ist eine Sprachform von ironisch gebrochener Hyperbolik oder umgekehrt, eine hyperbolisch monumentalisierte Ironie, die, am Stück genossen, beim Leser eine hochgemut exaltierte Stimmung erzeugt, wie er sie aus Zeiten des Jugendirreseins oder der Verliebtheit erinnern mag.

Eine Probe: "Im Jahre 1908 ward einer der größten Meteoriten, den die Welt je gekannt hat, zur Erde geschleudert. Er verfehlte sein Ziel. Er traf Sibirien. Ich wurde in Sutton geboren, im Kreis Surrey." Oder: "Zu Hause schaffte ich es mehr oder weniger allein, mir ein elendes Leben zu bereiten. In der Schule erledigten das andere für mich." Es trifft aber in glasklarer Härte auch andere. "Die Jugend hat immer dasselbe Problem – wie kann man zugleich rebellieren und sich anpassen. Heute haben sie es gelöst, sie provozieren die Älteren und imitieren sich untereinander."