Von Pat Sidley

Am Freitagmorgen, den 4. November, durfte die südafrikanische Anti-Apartheid-Zeitung Weekly Mail nicht erscheinen, doch die Lücke an den Kiosken wurde prompt gefüllt mit einer beredten Verteidigung der Pressefreiheit: Zum ersten Mal erschien eine unabhängige oppositionelle Zeitung in Afrikaans, das Vrye Weekblad. Ein historisches Ereignis, da Zeitungen in Afrikaans bislang beinahe ausschließlich in den Händen von Regierungstreuen waren und jede Abweichung von der Linie in diesen Kreisen als Verrat gilt und entsprechend geahndet wird. Vrye Weekblad hofft in dieser feindseligen Atmosphäre überleben zu können – Und heizt sie doch zugleich an durch einige große Artikel über die Sowjetunion und über die Gespräche zwischen der UdSSR und Experten der Lage in Südafrika. Geschmückt sind die Artikel mit einem Photo jenes Mannes, den die südafrikanische Regierung am meisten haßt: Joe Slovo, einer der Führer der südafrikanischen Kommunistischen Partei. Außerdem behauptet die Zeitung, daß Nelson Mandela, der Führer des African National Congress (ANC), am 14. November freigelassen werde.

Trotz seines Auftretens kann natürlich keine Rede davon sein, daß das Vrye Weekblad die Weekly Mail ersetzen könnte, die im Rahmen der Südafrikanischen Notstandsgesetze verboten wurde – wegen der "Sprach-Apartheid" sind die meisten Weekly Mail-Leser des Afrikaans kaum mächtig. Das Verbot gilt einen Monat lang. Innenminister Stoffel Botha hätte die Zeitung, die er als Gefahr für die öffentliche Sicherheit geißelt, bis zu drei Monaten verbieten können, doch offensichtlich hat ihn der diplomatische Druck des Auslands daran gehindert.

Für die Weekly Mail ist das Verbot ein finanzielles Desaster. Zwar können die etwa 30 Redaktionsmitglieder Veröffentlichungen vorbereiten und als Korrespondenten anderer Blätter den Namen ihrer Zeitung am Leben erhalten sowie ein bißchen Geld beibringen. Doch der November geht ihnen verloren – jener Monat, in dem die Anzeigen der Vorweihnachtszeit eintreffen und die Auflage am höchsten ist. Und die Weekly Mail hat keine Spender – anders als vergleichbare Zeitungen, wie die katholische New Nation und Kapstadts South, die ebenfalls unter der Zensur gelitten haben. Sie ist auf eigene Einnahmen angewiesen. Außerdem ist das Verbot keineswegs die einzige schwere Prüfung, der die Zeitung im Moment unterworfen ist.

Moslemische Extremisten haben die Redaktion gezwungen, die Planung für ihre jährliche Buchwoche, die im vergangenen Monat von dem britischen Schriftsteller Salman Rushdie eröffnet werden sollte, umzuwerfen. Ironischerweise wollte Rushdie zum Thema Zensur sprechen. Zwar hat die Zeitung ihre Einladung an Rushdie nicht zurückgenommen, doch die "Vereinigung der südafrikanischen Schriftsteller", deren Name mit dem der Weekly Mail auf der Einladung erscheinen mußte, hat ihre Unterstützung zurückgezogen. Sie teilte Rushdie mit, seine Sicherheit könne in Südafrika nicht garantiert werden. Dies war der Endpunkt einer sich über Wochen hinziehenden Diskussion, die von Mord- und Bombendrohungen gegenüber der Weekly Mail, ihren Reportern und Angestellten sowie Salman Rushdie begleitet war. Die Kampagne verschärfte sich noch, als die moslemischen Gruppen darauf gekommen waren, daß einige Reporter des Blattes jüdischer Abstammung sind. Die antisemitische Hetze richtete sich vor allem gegen die beiden Chefredakteure Anton Harber und Irwin Manoim. Rushdies neues Buch "Satanic Verses", an dem sich der Haß der Moslems entzündet hatte ("Blasphemie"), war im übrigen von der südafrikanischen Regierung schon verboten worden, noch bevor auch nur ein Exemplar das Land erreicht hatte. Dieses Schicksal teilt das Buch mit dem neuen Film von Martin Scorcese, "Die letzte Versuchung Christi".

Prüfungen und Leid der Weekly Mail sind also keineswegs ein isoliertes Ereignis. In derselben Regierungsveröffentlichung, die das Verbot der Weekly Mail enthielt, verwarnte Botha eine andere Zeitung, die Free Azania: Auch sie publiziere Artikel, die die öffentliche Sicherheit gefährdeten. Dies mag sehr wohl der Startschuß sein für eine Verfolgung, die für die katholische New Nation, für Kapstadts South und nun für die Weekly Mail im Verbot endete. Ebenfalls in dieser Woche verbot die Regierung zwei Anti-Apartheid Organisationen, und das Justizministerium sowie der Verteidigungsminister kündigten an, daß in dieser Richtung noch mehr zu erwarten sei. Vor zwei Wochen empfahl Ministerpräsident Pieter W. Botha strengere Richtlinien für die Berichterstattung über den verbotenen African National Congress. Inzwischen ist der staatliche Rundfunk ermahnt worden, in seiner Berichterstattung über terroristische Anschläge zurückhaltender zu sein.

Auch die Justiz verstärkt den Eindruck, nun solle geknebelt werden, was vom Recht auf freie Rede noch übrig ist. In einem Urteil des Obersten Gerichtshofs wurde ein Arzt, der gefolterte Häftlinge behandelt hatte, belehrt, er müsse die Namen seiner Patienten einem richterlichen Beamten oder der Polizei preisgeben. Die ärztliche Schweigepflicht sei dem öffentlichen Interesse nachgeordnet. Der Arzt, Paul Davis, hatte Einzelheiten der Folterungen gegenüber einer Zeitung bekanntgegeben, und die Polizei behauptete nun, alle Fälle von Gefangenenmißhandlung verfolgen zu wollen.