"Sei nicht so gewaltig stolz"

Von Helmut Trotnow

Der Tod seiner Frau Johanna am 27. November 1894 war für Otto von Bismarck ein unersetzbarer Verlust. "Weinend wie ein kleines Kind", so wird berichtet, legte sich der einst so mächtige Kanzler des deutschen Kaiserreiches über ihr Bett, als er sie am Morgen des Tages – noch im Schlafrock und Pantoffeln – vorfand. Selbst die erzwungene Abdankung von der aktiven Politik vier Jahre vorher, konstatiert der Bismarck-Biograph, Lothar Gall, sei kein so schwerer Einschnitt im Leben Bismarcks gewesen. Wiederholt hatte er im engsten Freundeskreis der Familie den dunklen Wunsch geäußert: "Wenn sie abberufen wird, so möchte ich nicht hier bleiben." Als es dann soweit war, erschien ihm alles "öde und leer". Einem Freund schrieb er: "Das Leben ist ein dauernder Verbrennungsprozeß und mein Material zur Unterhaltung der Flamme ist bald aufgebraucht." Innerlich zerbrochen und permanent kränkelnd zog er sich nach Friedrichsruh im Sachsenwald bei Hamburg zurück. Sein Tod am 30. Juli 1898 kam für niemanden überraschend. "Gib, daß ich meine Johanna wiedersehe", sollen die Worte seines letzten Gebetes gewesen sein.

Wer war diese Frau, für die Otto von Bismarck so viel empfand? Wo kam sie her und vor allem, welche Rolle spielte sie in der Partnerschaft mit jenem Mann, der nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 einer der einflußreichsten Politiker im Europa des 19. Jahrhunderts war? Gewiß, ohne seine politisch-historische Bedeutung – ganz gleich, wie man seine Leistungen bewertet – würde sich heute kaum jemand für diese Frau interessieren, und doch ist die Frage berechtigt, ob sein Wirken ohne ihr Zutun überhaupt möglich gewesen wäre. Der ältere Sohn der beiden, Herbert von Bismarck, fällte in dieser Beziehung ein eindeutiges Urteil: "Mein Vater hätte sein anstrengendes Leben gar nicht ertragen, wenn er sie nicht gehabt."

In der Bismarck-Literatur taucht der Name Johanna von Bismarck immer nur am Rande auf. Dieses Manko zu beheben, hat sich jetzt die in Bonn als Journalistin tätige Ingelore Winter zur Aufgabe gemacht. Im Familienarchiv der Bismarcks in Friedrichsruh fand sie mehr als tausend Briefe, die Johanna im Laufe der 48 Jahre währenden Ehe ihrem Mann geschrieben hat. Ein Großteil der Briefe ist bisher noch nie ausgewertet worden. Sie sind eine ausgezeichnete Quelle, um die Partnerschaft der beiden aus ihrer Sicht nachzuzeichnen. Seine Sicht der Dinge ist bereits seit 1900 bekannt, als der schon erwähnte Sohn Herbert die Briefe des Vaters an die Mutter zur Veröffentlichung freigab. "Die Briefe von Johanna von Bismarck", urteilt Frau Winter, "sind historische Dokumente; sie spiegeln nicht nur das Denken – und Empfinden – der Bismarck-Epoche, die er prägte, wider, sie beleuchten Bismarcks Charaktereigenschaft und sind nicht zuletzt das Porträt einer großen liebenden Frau."

Um es gleich vorweg zu sagen: Das Buch von Frau Winter stellt keine wissenschaftlichen Ansprüche. Es ist für den allgemein interessierten Leser geschrieben. Die Lektüre ist nicht nur interessant und aufschlußreich, sie stimmt zuweilen auch recht nachdenklich. In den Briefen von Johanna entsteht mit ihrer heißgeliebten pommerschen Heimat eine Welt, die lange vor der endgültigen Zerstörung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 untergegangen ist. Vor allem aber machen die Briefe deutlich, daß auch die größten Figuren der Weltgeschichte Menschen aus Fleisch und Blut sind, die ihre historischen Leistungen mit enormen persönlichen Opfern bezahlen müssen. Allein der Umfang der Korrespondenz zeigt, daß die Eheleute Bismarck einen bedeutenden Teil ihres Lebens getrennt voneinander verbringen mußten. Dem königlich preußischen Abgesandten in Petersburg, der nicht wußte, ob er nun nach Paris oder London gehen oder sogar nach Berlin zurückgerufen würde, schrieb die Diplomatengattin 1861: "Mir ist wirklich alles gleich, nur ungetrennt."

Johanna von Bismarck wurde am 11. April 1824 geboren und verlebte ihre Kindheit und Jugend in Reinfeld, einem pommerschen Rittergut, hundert Kilometer südwestlich von Danzig, direkt an der polnischen Grenze. Als Otto sie dort das erste Mal besuchte, schrieb er einem Freund vom "Ende der Welt", wo "Wölfe und Kaschuben" um die Wette heulten. Ihre Eltern – von Putkamer – entstammten einem alten slawischen Adelsgeschlecht, das seit Jahrhunderten in Pommern ansässig war. Ihr Vater, Heinrich von Putkamer, hatte an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teilgenommen und gehörte zum Kreis der "pommerschen Pietisten"; einem Kreis, der sich dem christlichen Gedankengut eng verpflichtet fühlte, aber auch großen Einfluß auf die Politik und den König in Preußen ausübte. Namen wie Adolph von Thadden, die Gebrüder von Gerlach oder Albrecht von Roon sind mit diesem Kreis verbunden, der auch auf den politischen Werdegang Bismarcks nicht ohne Einfluß blieb. Die späteren Eheleute lernten sich in diesem Kreise kennen. Auf der Hochzeit von Marie von Thadden mit Moritz von Blanckenburg, einem Schulfreund Bismarcks, war sie seine Tischdame.

Otto von Bismarck, Jahrgang 1815, lebte damals auf Kniephof, einem pommerschen Gutshof östlich der Oder, etwa 30 Kilometer von Stettin entfernt. Auch die Bismarcks lebten seit Generationen in dieser Gegend und waren wie die Putkamers treue Monarchisten. Sowohl für Johanna wie für Otto blieb die pommersche Landschaft zeit ihres Lebens "Heimat". Wann immer sich später der preußische Ministerpräsident und Reichskanzler von den Strapazen des Regierens in Berlin erholen wollte, zog er sich dorthin zurück. Genauer gesagt, nach Gut Varzin, das er sich 1867 mit einer Dotation von 400 000 Reichstalern als Ehrengabe des preußischen Abgeordnetenhauses für seine Verdienste hatte kaufen können. Begeistert schrieb er seiner Frau kurz nach der Inbesitznahme: "Mein Geliebtes, wenn ich gefrühstückt und gezeitungt habe, wandere ich mit Jagdstiefeln in die Wälder."

"Sei nicht so gewaltig stolz"

Es war keine Liebe auf den ersten Blick, die die beiden zusammengeführt hatte. Sie kannten sich bereits seit mehr als zwei Jahren, als sie am 28. Juli 1847 heirateten. Auch war es ein ungleiches Paar, das da in den Ehestand eintrat – äußerlich wie innerlich. Sie von zarter Konstitution, er groß und kräftig, temperamentvoll und nicht ganz uneitel. Geradezu ängstlich bat sie in einem ihrer ersten Briefe: "Sei nicht so gewaltig stolz, so daß ich kaum weiß, wie ich mich recht benehmen soll." Beider Lebensweg bis dahin war recht unterschiedlich verlaufen. Sie war entsprechend der Sit-

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te der Zeit wohlbehütet im Kreis ihrer frommen Familie aufgewachsen. Er dagegen hatte sich abenteuerhungrig überall in den deutschen Landen herumgetrieben. Der pommersche Landadel sprach nicht ganz ohne Berechtigung etwas geringschätzig vom "tollen Bismarck".

Als er Heinrich von Putkamer um die Hand der Tochter bat, hatte er bereits zwei Verlobungen hinter sich. "Johanna", urteilt Frau Winter, "war so ganz anders als die Frauen, die Bismarck vor seiner Verlobung begehrt oder nur verehrt hatte." Sie war weder eine Schönheit, noch verfügte sie über besondere Eleganz. Es war ihre natürliche Unbefangenheit, vielleicht sogar Schüchternheit, die ihn an ihr reizten. Daß es ihm unter diesen Bedingungen gelang, Eltern und Braut von seiner Lauterkeit zu überzeugen, lag nicht zuletzt an seinem genialen Werbebrief, der zu Recht zu den Glanzlichtern deutscher Briefliteratur gerechnet wird. Der Brief war Beichte und Charakteranalyse zugleich und zeichnete sich durch eine nüchterne Selbstkritik seines bisherigen "tollen" Lebens aus. Bismarck hat seiner Frau gegenüber Schwächen nie verschwiegen. "Du wirst an meinen Dornen auch nicht immer Freude erleben", warnte er sie gleich zu Beginn ihrer Beziehung.

Die "Jugendtorheiten" sind dem späteren Ehemann immer präsent geblieben, und er hat sie in den Briefen an seine Frau rückblickend wiederholt kommentiert. Als er beispielsweise 1851 Wiesbaden einen Besuch abstattete, erinnerte er sich der Verbindung mit zwei Engländerinnen. Nachdenklich schrieb er: "Wo und wie mögen Isabella Loraine und Miss Rüssel jetzt leben; wie viele sind begraben, mit denen ich damals liebelte, becherte und würfelte." Wem er den Wandel seiner Weltanschauung verdankte, daran ließ er keinen Zweifel. "Sollte ich jetzt leben wie damals", fuhr er fort, "ohne Gott, ohne Dich, ohne Kinder – ich wüßte in der Tat nicht, warum ich dies Leben nicht ablegen sollte wie ein schmutziges Hemd."

Natürlich sind Otto von Bismarck auf seinem weiteren Lebensweg Anfechtungen begegnet. Dem Onkel von Johanna, Hans von Kleist-Retzow, gestand er: "Die Haupthandhabe, an der mich das Böse angreift, liegt nicht im äußeren Glanz, sondern in der brutalen Sinnlichkeit." Über die "Affäre" mit der russischen Fürstin Katharina von Orlow beispielsweise ist viel geschrieben und noch mehr spekuliert worden. Frau Winter kommt zu dem Ergebnis: "Kein Zweifel, Bismarck war in die 22jährige Frau verliebt. Aber eine ‚echte‘ Liebesaffäre war es nicht." In der Korrespondenz mit seiner Frau aus Biarritz, wo er die Orlows kennengelernt hatte, taucht das Thema durchaus auf, und in ihren Briefen ist von Eifersucht wenig zu spüren. "Erfreue Dich solange der lieben hübschen Orlowschen Gesellschaft, bis Du sie mit unserer vertauschen kannst", heißt es in einem ihrer Briefe.

Johanna selbst übrigens blieben derartige Anfechtungen ebenfalls nicht erspart, was angesichts der häufigen Abwesenheit ihres Mannes nicht weiter verwunderlich ist. Wie einem Brief ihrer Mutter an sie zu entnehmen ist, scheint sie sich in Frankfurt am Main zeitweilig sehr gut auch ohne Bismarck amüsiert zu haben. Zumindest hielt es die Mutter für angebracht, die Warnung auszusprechen: "Hüte, hüte Dich, daß ein Flecken auf Bismarcks Frau und als die Tochter eines so reinen Vaters auf Dir lastet."

"Sei nicht so gewaltig stolz"

Soweit man die Korrespondenz zugrunde legen kann, hat es in der Verbindung Johanna und Otto von Bismarck nie ernsthafte Streitigkeiten oder gar Entfremdungen gegeben. Sie war für ihn der "irdische Engel", das "Allerliebste" auf dieser Welt. Er wurde von ihr geradezu vergöttert, ähnlich wie es die englische Königin Victoria mit ihrem Prinzgemahl Albert getan hat. Der engeren Außenwelt ist dieses gute Verhältnis der beiden Eheleute nicht verborgen geblieben. Kein geringerer als Kaiser Wilhelm I. stellte in seinem Glückwunschtelegramm zur Silbernen Hochzeit im Sommer 1872 fest: "Daß Ihnen beiden unter so vielen Glücksgütern, die Ihnen die Vorsehung für Sie erkoren hat, doch immer das häusliche Glück obenan stand, das ist es, wofür Ihre Dankgebete zum Himmel aufsteigen."

• Ingelore M. Winter:

Mein geliebter Bismarck

Der Reichskanzler und die Fürstin Johanna. Ein Lebensbild mit unveröffentlichten Briefen; Droste Verlag, Düsseldorf 1988; 290 S., 38,– DM