Es war keine Liebe auf den ersten Blick, die die beiden zusammengeführt hatte. Sie kannten sich bereits seit mehr als zwei Jahren, als sie am 28. Juli 1847 heirateten. Auch war es ein ungleiches Paar, das da in den Ehestand eintrat – äußerlich wie innerlich. Sie von zarter Konstitution, er groß und kräftig, temperamentvoll und nicht ganz uneitel. Geradezu ängstlich bat sie in einem ihrer ersten Briefe: "Sei nicht so gewaltig stolz, so daß ich kaum weiß, wie ich mich recht benehmen soll." Beider Lebensweg bis dahin war recht unterschiedlich verlaufen. Sie war entsprechend der Sit-

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te der Zeit wohlbehütet im Kreis ihrer frommen Familie aufgewachsen. Er dagegen hatte sich abenteuerhungrig überall in den deutschen Landen herumgetrieben. Der pommersche Landadel sprach nicht ganz ohne Berechtigung etwas geringschätzig vom "tollen Bismarck".

Als er Heinrich von Putkamer um die Hand der Tochter bat, hatte er bereits zwei Verlobungen hinter sich. "Johanna", urteilt Frau Winter, "war so ganz anders als die Frauen, die Bismarck vor seiner Verlobung begehrt oder nur verehrt hatte." Sie war weder eine Schönheit, noch verfügte sie über besondere Eleganz. Es war ihre natürliche Unbefangenheit, vielleicht sogar Schüchternheit, die ihn an ihr reizten. Daß es ihm unter diesen Bedingungen gelang, Eltern und Braut von seiner Lauterkeit zu überzeugen, lag nicht zuletzt an seinem genialen Werbebrief, der zu Recht zu den Glanzlichtern deutscher Briefliteratur gerechnet wird. Der Brief war Beichte und Charakteranalyse zugleich und zeichnete sich durch eine nüchterne Selbstkritik seines bisherigen "tollen" Lebens aus. Bismarck hat seiner Frau gegenüber Schwächen nie verschwiegen. "Du wirst an meinen Dornen auch nicht immer Freude erleben", warnte er sie gleich zu Beginn ihrer Beziehung.

Die "Jugendtorheiten" sind dem späteren Ehemann immer präsent geblieben, und er hat sie in den Briefen an seine Frau rückblickend wiederholt kommentiert. Als er beispielsweise 1851 Wiesbaden einen Besuch abstattete, erinnerte er sich der Verbindung mit zwei Engländerinnen. Nachdenklich schrieb er: "Wo und wie mögen Isabella Loraine und Miss Rüssel jetzt leben; wie viele sind begraben, mit denen ich damals liebelte, becherte und würfelte." Wem er den Wandel seiner Weltanschauung verdankte, daran ließ er keinen Zweifel. "Sollte ich jetzt leben wie damals", fuhr er fort, "ohne Gott, ohne Dich, ohne Kinder – ich wüßte in der Tat nicht, warum ich dies Leben nicht ablegen sollte wie ein schmutziges Hemd."

Natürlich sind Otto von Bismarck auf seinem weiteren Lebensweg Anfechtungen begegnet. Dem Onkel von Johanna, Hans von Kleist-Retzow, gestand er: "Die Haupthandhabe, an der mich das Böse angreift, liegt nicht im äußeren Glanz, sondern in der brutalen Sinnlichkeit." Über die "Affäre" mit der russischen Fürstin Katharina von Orlow beispielsweise ist viel geschrieben und noch mehr spekuliert worden. Frau Winter kommt zu dem Ergebnis: "Kein Zweifel, Bismarck war in die 22jährige Frau verliebt. Aber eine ‚echte‘ Liebesaffäre war es nicht." In der Korrespondenz mit seiner Frau aus Biarritz, wo er die Orlows kennengelernt hatte, taucht das Thema durchaus auf, und in ihren Briefen ist von Eifersucht wenig zu spüren. "Erfreue Dich solange der lieben hübschen Orlowschen Gesellschaft, bis Du sie mit unserer vertauschen kannst", heißt es in einem ihrer Briefe.

Johanna selbst übrigens blieben derartige Anfechtungen ebenfalls nicht erspart, was angesichts der häufigen Abwesenheit ihres Mannes nicht weiter verwunderlich ist. Wie einem Brief ihrer Mutter an sie zu entnehmen ist, scheint sie sich in Frankfurt am Main zeitweilig sehr gut auch ohne Bismarck amüsiert zu haben. Zumindest hielt es die Mutter für angebracht, die Warnung auszusprechen: "Hüte, hüte Dich, daß ein Flecken auf Bismarcks Frau und als die Tochter eines so reinen Vaters auf Dir lastet."