Von Peter Körte

Ihre Bücher tragen den Titel von wuchtiger Trivialität: "Das Haus auf dem Lande", "Die Decke des Glücks" oder "Herzenswünsche" und Drehbuchautorin, In England ist sie eine gefragte Drehbuchautorin, ihr Roman "Die Teufelin" (deutsch 1987) wurde als Fernsehserie verfilmt. Hierzulande ist die 53jährige Britin Fay Weldon zwar nicht gänzlich unbekannt, jedoch ein wenig die dem Makel des Trivialen behaftet. Nicht nur aus Buchtitel, auch die Geschichten selbst scheinen aus jenem Stoff gemacht, der in Klatschspalten und Illustriertenstorys ein Millionenpublikum betört. Liebe und Leid, Affären und Intrigen in den besseren Kreisen, dazu wahre Crash-Kurse in Lebensweisheit, die sich aus dem unerschöpflichen Vorrat des Allgemein-Menschlichen bedienen.

Vor wenigen Jahren noch wäre die Kritik Fay Veldon mit dem ideologiekritischen Sezierbesteck zu Leibe gerückt, hätte mit routinierten Schnitten Kitsch und harmonisierende Verbrämung schlechte Verhältnisse freigelegt und das Werk unbekümmert in seine suggestiven Reize, in den Abgrund der Unterhaltungsliteratur gestoßen.

Milde Ironie, selten zu einer Schärfe gesteigert wie in der Emanzipationssatire "Die Teufelin", und der Gestus des "wir alle" beherrschen auch die Oberfläche des neuen Romans "Herzenswünsche". Gut und böse prallten aufeinander wie im Märchenbuch; wer böse ist, ist auch häßlich, wer schön ist, zumindest im Kern gut. Fay Weldon hegt Verständnis, ja unerschütterliche Zuneigung zu ihren Figuren, die sie mit dem wohlwollenden Kopfschütteln der allwissenden Autorin durchs Leben begleitet. "Leser, ich erzähle Ihnen die Geschichte von Clifford, Helen und der kleinen Neil", mit diesen Worten beginnt der Roman, um in den ersten zwanzig Zeilen sogleich eine Kürzestfassung der Ereignisse samt moralischer Warnung folgen zu lassen. "Na bitte! Jetzt wissen Sie schon, daß diese Geschichte ein Happy-End haben wird. Schließlich ist Weihnachten. Warum auch nicht?" fegt sie mögliche Einwände hinweg. Und legt erst richtig los.

"Herzenswünsche" ist eine wahre Schauergeschichte, ein modernes Märchen mit allen Ingredienzen einer Hollywood-Story. Helen, jung, hübsch und Tochter eines postsurrealistischen Malers, und Clifford, attraktiv und auf dem Sprung zur großen Karriere als Galeriedirektor, werden von der "Liebe auf den ersten Blick" ereilt. Sie zeugen ein Kind, heiraten und schon ist die Ehe wieder vorbei. Eine überstürzt geschlossene Ehe in ebenso anfällig "wie ein selbstgestrickter Pullover". "Nells Drama" nimmt seinen Lauf. Clifford läßt sie entführen, das Flugzeug mit Neil und ihrem Kidnapper stürzt ab, worauf die Leiden der kleinen Neil für die nächsten zwanzig Jahre nicht abreißen wollen. Es verschlägt sie ins Château eines greisen adligen Ehepaars, das sich der schwarzen Magie verschrieben hat. Ein Heim für gestörte Kinder ist die nächste Station, gefolgt von einer kriminellen Landkommune und einem Hundezwinger, bis Neil schließlich, selbstverständlich unerkannt, im Mode-Studio der eigenen Mutter zu arbeiten beginnt. Clifford und Helen sind derweil bereits zweimal geschieden und auf dem Sprung in die dritte Ehe. Als kleines Intermezzo hat Clifford eine kurze Ehe mit der reichen Erbin Angie absolviert, Helen mit einem gutherzigen Leitartikler.

In schnoddrigem Tonfall, den die Übersetzung von Sabine Hedinger ausgezeichnet getroffen hat, spinnt Fay Weldon die haarsträubendsten Handhangsfäden und bedient sich (selbst-)ironisch aus dem Repertoire der allwissenden Autorin. "Leser, Sie wissen, daß es im wirklichen Leben immer wieder Zufälle gibt... Zwar verstößt es gegen die allgemein üblichen Regeln der Schriftstellerei, den Zufall im Roman gezielt einzusetzen, doch ich hoffe, Sie bleiben dran... Meine Geschichte bleibt ziemlich dicht am wirklichen Leben – weshalb sie manchmal weit hergeholt klingen mag; aber sagen Sie selbst – ist die Wirklichkeit denn nicht viel unglaublicher als jeder Film oder Roman?". Natürlich "bleiben wir dran", um uns die unwahrscheinlichsten Fügungen und neuesten Eskapaden mit einem lakonischen "So ist das eben" auftischen zu lassen.

Diese Mischung aus Ironie und Fatalismus durchzieht auch die zeitkritischen Anmerkungen der "Herzenswünsche". Aus der Vogelperspektive der Erzählung erscheinen die sechziger Jahre, in denen das Schicksal der kleinen Neil seinen Anfing nimmt, wie eine verschollene Kultur. Die Zeitlosigkeit des Phänomens "verantwortungslose Eltern" hat aber auch ein Gutes: Die lebenspraktischen Maximen, die die Autorin stets parat hat, lassen sich mit umso mehr Wucht vortragen. "Meiner Ansicht nach lügen verheiratete Frauen weitaus mehr als die ledigen oder geschiedenen", warnt sie die Männerwelt, und von Frau zu Frau bemerkt sie: "Es gibt doch nichts Irrationaleres als einen betrogenen Mann: insbesondere, wenn er Betrug gewöhnt ist." Nein, gut schneiden die Männer bei Fay Weldon wirklich nicht ab. Immer zum Seitensprung bereit, feige, selbstgerecht und voller Reue, die gerade bis ins nächste Kapitel vorhält. Ausnahmen sind da wie Wesen von einem fremden Stern. Arthur Hockney, der farbige Versicherungsdetektiv, ist "so groß und stark und schlau ..., daß es nur die Guten und Unschuldigen mit ihm aufnehmen konnten". Der Sohn engagierter Gewerkschafter, die auf mysteriöse Weise beim Kampf um ihre Rechte ums Leben kamen, ist nobel und hilfsbereit und widmet sich schließlich farbigen Kindern in Harlem.