In einem Atemzug mit dem 25jährigen Jazzfest muß das Total Music Meeting genannt werden. Das kleinere Festival wurde 1968 zur Zeit des Free Jazz begründet und findet seither parallel statt. Sein Charakter hat sich längst gewandelt: Aus der provokanten Gegenveranstaltung von einst ist eine wichtige Ergänzung der Hauptsache geworden. Immer wieder hat der Organisator Jost Gebers unbekannten, begabten Musikern den Weg bereitet. Gleichzeitig hat Gebers, Kopf und Ohr der Free Music Production (FMP), so etwas wie eine Tradition der improvisierten Musik geschaffen: Mit einem eigenwilligen, aber sicheren Geschmack begabt, hat er es immer wieder vermocht, Leben auf die Bühne zu bringen. Manches ging schief, vieles wurde zum Genuß für ein mutiges Publikum, fernab der Trends und der großen Namen, die das Jazzfest meinte würdigen zu müssen.

In diesem Jahr nun wäre das Total Music Meeting beinahe ausgefallen. Bedrängt vom Hang der Kulturpolitiker zum Klotzen einerseits ("The Forest" von David Byrne und Robert Wilson durfte vier Millionen Mark kosten) und von Sparmaßnahmen andererseits, war die geldgebende Berliner Festspiele GmbH nicht mehr bereit, wie in den Vorjahren 40 000 bis 60 000 Mark zuzuschießen. Erst auf Druck des Berliner Kultursenats, wo man von der über Europa hinausreichenden Bedeutung der FMP weiß, war die Festspiele GmbH bereit, wenigstens 15 000 Mark herauszurücken. Die schriftliche Bestätigung dafür kam einen Tag vor Beginn des Total Music Meetings.

Unter solchen Umständen läßt sich kein wirklich attraktives Programm gestalten; erstaunlich ist, daß überhaupt ein Programm zustandekam. Es war dies auch nur möglich, weil die neun Musiker für ein Viertel der Jazzfest-Gage auftraten, weil sich eine Hotelbesitzerin fand, die ihnen die Übernachtung spendierte, weil Tonmeister und Plakatkleber und wer noch alles dazugehört nahezu unentgeltlich mitarbeiteten.

60 000 Mark kostete dieses Not-Angebot, an dem die Daseinsberechtigung des Total Music Meetings nicht gemessen werden darf. 60 000 Mark – soviel bekommt allein der künstlerische Leiter des Jazzfestes, George Gruntz, Spesen nicht gerechnet, nicht gerechnet auch die Gage für den Auftritt seiner Bigband auf dem eigenen Festival.

Jost Gebers ursprüngliches Konzept hätte 125 000 Mark gekostet und sollte "drei mal drei" heißen: Je drei mit Bedacht ausgewählte Saxophonisten, Bassisten und Schlagzeuger sollten drei Nächte lang in spontan zu bestimmenden Kombinationen jeweils eine halbe Stunde zusammenspielen, mal eine jazzübliche Trio-Besetzung, dann vielleicht alle neun Musiker gleichzeitig oder drei Saxophonisten und ein Schlagzeuger. Mit ähnlichen Konstellationen hat Gebers schon erfolgreich experimentiert: 1984 holte er sechzehn Pianisten ins Quartier Latin, 1987 siebzehn Posaunisten. Für die Notausgabe reduzierte Gebers sein Konzept: Jeder Abend sah ein Baßsolo, ein Saxophon/Schlagzeug-Duell und ein Baßduett vor. Die drei Bassisten sollten in allen drei Nächten aufeinandertreffen.

Schon am zweiten Abend wurde deutlich, daß Kontrabässe allein auf Dauer so fesselnd nicht sind. Die Französin Joelle Leandre, Klaus Koch aus der DDR und der in Paris lebende Amerikaner Barre Phillips begannen den dritten Abend mit einem Trio. Das war aufregend zu sehen und zu hören: drei schwankende, braune, große Hummeln brummten sich zu. Joelle Leandre, die von der Zeitgenössischen Musik zur Improvisation gefunden hat, hat auch Stimme: mal Scat-Gesang, mal Oper schimmerte auf, ging über in absonderliche Perkussion, in Tänze, die an Bartók erinnerten, in gezupftes Irgendwas, schließlich in eine erotische Szene: als Barre Phillips mit seinem Bogen vor der Bassistin stehend zärtlich die Saiten ihres Instrumentes zum Schwingen brachte.

Für den Höhepunkt des ersten Abends sorgten der holländische Saxophonist Willem Breuker und sein Landsmann Han Bennink. Der Schlagzeuger ist ein Gesamtkunstwerk: Vorzüglich trommeln kann er allemal, auf seinem Instrument wie auf dem Bühnenboden, den Schuhspitzen, der Saalheizung; hinzu tritt seine Mimik, sein gebrochenes Deutsch, wenn er einen entflogenen Stock aus dem Publikum zurückfordert und sich in der Art eines durchgedrehten Colonels das Lachen verbietet. Breuker, berühmt geworden durch sein "Kollektief", ist ein Melodiker und Parodist.