Der Deutsche Jugendliteraturpreis 1988 kann sich rühmen, als bislang interessantestes Kapitel in die Geschichte dieser staatlichen Auszeichnung einzugehen. Interessant deshalb, weil gleich drei Störfälle das sonst eher betulich harmonische Ritual der Preisfindung behindert haben.

Störfall 1 ist literarische Fiktion und wird in Pausewangs Jugendroman "Die Wolke" beschrieben. Die Autorin beschwört in eindringlichen Bildern die Katastrophe eines Super-GAUs im Atomkraftwerk Grafenrheinfeld. "Die Wolke" wird von der unabhängigen Jury des Literaturpreises 1988 zur Auszeichnung vorgeschlagen.

Störfall 2: Das zuständige Ministerium schiebt demonstrativ spektakulär lange seine Zustimmung hinaus und nährt damit immer heftiger kursierende Gerüchte, daß ein politisch brisantes Buch via Zensur unterdrückt werden soll. Aufgeschreckt durch linkische Presseverlautbarungen aus dem Ministerium, das urplötzlich "pädagogische" Vorbehalte geltend machen möchte, fordern Kritiker und Schriftsteller, daß hier kein Präzedenzfall für politische Zensur geschaffen werden dürfe. Spekulationen darüber, daß sich Rita Süssmuth im eigenen Hause nicht gegen massiven Druck der Rechten durchsetzen kann, werden öffentlich diskutiert.

Störfall 3: Bei der offiziellen Verleihung im Fürstensaal des Lüneburger Rathauses hält Rita Süssmuth eine Rede, die mit der Manuskriptfassung aus dem Ministerium fast nichts mehr zu tun hat. Während im Manuskript "radikale" Tendenzen, Einseitigkeit und "Klischees" scharf kritisiert werden, ist der freie Redetext von Offenheit, Toleranz und Verständnis geprägt.

O-Ton der Ministerin: "Ich bin der Ansicht, daß gerade die Zulassung pointierter Kritik an der Demokratie der besondere Wert dieser Staatsform ist." Und deutlicher: "Wir brauchen die Entwürfe derjenigen, die uns über die einengende gegebene Realität hinausführen." Sie plädiert mit Engagement für eine lebendige Streitkultur, verweist auf Heine und Brecht und bezeichnet Literaten als die vielleicht wichtigsten Botschafter der Kinder.

Nach dieser mit großem Beifall aufgenommenen freien Rede verteilen Ministerialbeamte die längst zu Makulatur gewordenen Erstentwürfe (Aufdruck: "Es gilt das gesprochene Wort").

Dieser überholte Text inspiriert am folgenden Tag Meldungen, in denen Empörung laut wird, wie denn ein Minister dieses Buch auszeichnen könne, das "bewußte Panikmache" sei (FAZ, 2.11.88).