/ Von Annelies Furtmayr-Schuh

Erstunken ist noch keiner, aber erfroren", sagt Bauer Gruner zu seiner Frau und wirft heftig das Fenster zu. "Das war ja noch schöner, ich heize ein und sie reißt die Fenster auf", brummt er ärgerlich. Ihm ist wie so vielen Menschen nicht bewußt, daß diese Wärmesparmaßnahme gefährlich sein kann. Kurzes, intensives Lüften sorgt nämlich nicht nur für frische Luft, sondern läßt auch Radioaktivität wieder entweichen. Manche Häuser können regelrechte Strahlenfallen sein. Insbesondere alte Bauernhäuser, die nicht oder nur teilweise unterkellert sind und lediglich auf gestampftem Lehm stehen, lassen Strahlung aus dem Erdboden ungehindert eindringen. Die Strahlung stammt vor allem von den radioaktiven Zerfallsprodukten des Edelgases Radon.

Mehr als die Hälfte der natürlichen Strahlenbelastung, der wir in Deutschland ausgesetzt sind, stammt vom Radon – also rund 100 Millirem (oder ein Millisievert) pro Jahr. Radon selbst belastet den Organismus nicht. Das Edelgas ist chemisch ein Blümchen Rühr-mich-nicht-an, es reagiert mit keinem Molekül, verhält sich "edel". Physikalisch aber hat es dieses Edelgas in sich: Radon besteht aus drei strahlenden Atomsorten, die sich in ihrem Gewicht unterscheiden: dem Radon-222, Radon-220 und Radon-219. Das wichtigste ist Radon-222, es zerfällt mit einer Halbwertszeit von knapp vier Tagen. Würde es nicht ständig nachgebildet, wäre es innerhalb weniger Wochen verschwunden, ähnlich wie das Jod nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl.

Radon-222 zerfällt unter Aussendung biologisch sehr wirksamer Alphastrahlen in radioaktives Polonium, das ebenfalls bald wieder Alphastrahlen aussendet. "Atmet der Mensch diese kurzlebigen Radontöchter ein, dann findet deren radioaktiver Zerfall in der Lunge statt, genau gesagt im Bronchialepithel, einem äußerst strahlenempfindlichen und krebsanfälligen Gewebe", erklärte Wolfgang Jacobi, der Leiter des Instituts für Strahlenschutz der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) in Neuherberg bei München. "Der im Strählenschutz geltende Grundsatz der Vorsorge macht es deshalb notwendig", so der Wissenschaftler, "dieser Strahlenquelle mehr Beachtung zu schenken, auch wenn sie seit jeher das menschliche Leben begleitet."

Neu und anders geworden ist indes der Luftaustausch in unseren Häusern. Statt eines Ofens in jedem Zimmer haben wir heute meist eine Zentralheizung. Der Ofen aber sorgte dafür, daß stets Frischluft durch die Fensterritzen angesaugt und über den Kamin abtransportiert wurde. Überdies schließen die modernen Fenster und Türen, die zusätzliche Gummidichtungen gegen Wärmeverlust aufweisen, dichter als die herkömmlichen. So beträgt der Luftaustausch bei geschlossenen Fenstern in Neubauten nur mehr ein Drittel gegenüber der Luftbewegung in Wohnungen mit Doppelfenstern alten Stils.

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