Krefeld

Oberstadtdirektor Alfred Dahlmann galt als dynamischer, ehrgeiziger Macher. Der nicht weniger ehrgeizige Oberbürgermeister Dieter Pützhofen (CDU), der sich gern "Kennedy vom Niederrhein" nennen läßt, hatte den 55jährigen Verwaltungsjuristen vor zwei Jahren in die "Samt- und Seidenstadt" Krefeld geholt. Ein flottes Tandem bildeten die zwei an der Stadtspitze Obwohl Dahlmann als "Pützhofens Mann" gehandelt wurde, beeindruckte er bald durch seine Eigenwilligkeit. Die ganze Verwaltung krempelte er um, kümmerte sich um jede Kleinigkeit selbst. Er verbot private Gardinen in den Amtsstuben und schrieb exakt vor, wie schriftliche Vorlagen auszusehen haben. Auch mit seiner CDU legte er sich an und galt prompt als unabhängiger "Querdenker". Dazu pflegte er das Image vom drahtigen, sportlichen Erfolgsmenschen, für die Lokalpresse ließ er sich in seinem Kraftraum beim Gewichtheben photographieren. Doch als an Weiberfastnacht die Möhnen das Rathaus stürmten, ergab er sich kampflos.

Kampflos mußte er sich auch in der vergangenen Woche ergeben. CDU und SPD beantragten, Dihlmann seines Amtes zu entheben und ihm von sofort an die "Führung der Dienstgeschäfte" zu verbieten. Sie wollen ihn nicht mehr sehen, ja, nicht einmal mehr diskutieren wollten sie den Fall: kommentarlos wurden die Anträge eingebracht.

Was war geschehen? Oberstadtdirektor Dahlmann hatte sich von einer allzu menschlichen Seite gezeigt. Das wäre vielleicht noch verzeihlich gewesen. Unverzeihlich aber war, daß er dies publik werden ließ. In seiner Dienstwohnung hatte Dahlmann sich mit zwei "Photomodellen" getroffen. Gegen 1.30 Uhr nachts rief er den Notarzt, weil eine der beiden jungen Frauen in Ohnmacht gefallen war. Außerdem muß es ziemlich laut gewesen sein. Nachbarn riefen die Polizei wegen Ruhestörung; die Beamten fanden auf dem Wohnzimmertisch des Appartements ein Plättchen Haschisch, genau 3,75 Gramm.

Das war zuviel. Die lokalen Zeitungen überschlugen sich. "Oberstadtdirektor: Sex und Hasch im Wohnzimmer", meldete der Express. Bild-Niederrhein ergänzte: "Dr. Alfred Dahlmann: ‚Ich habe vom Rauschgift nichts gewußt!’" Tags darauf konnte das Blatt mit weiteren Hintergrundinformationen aufwarten: "Wir feierten eine tierische Fete", vertraute angeblich eine der beiden Frauen ("zierlich, langes schwarzes Haar, braune Mandelaugen") der Zeitung an. Sie kenne Dahlmann schon fünf Jahre, in ihrem Notizbuch führe sie ihn unter "Alfredo".

Die Krefelder Behörden waren unterdessen bemüht, den Fall diskret und zügig zu Ende zu bringen. Die Ermittlungen wegen des Hasch-Fundes werden bald eingestellt, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Das werde bei Mengen unter fünf. Gramm immer so gemacht. Die Grünen im Rat erklärten dazu: "Wir hoffen, daß Polizei und Staatsanwaltschaft in ähnlichen Fällen das Gesetz ebenso für den Beschuldigten auslegen." Daß Dahlmann selbst Rauschgift konsumiert habe, sei mit Sicherheit auszuschließen, so die Staatsanwaltschaft weiter. Eine noch in jener Nacht genommene Urinprobe habe keinerlei Spuren aufgewiesen. "Justitiables", so der städtische Pressesprecher, liege gegen Dahlman somit nicht vor.

Was bleibt, sind die politischen Folgen. Und da geben sich die Krefelder Honoratioren unerbittlich. "Einen Oberstadtdirektor privat gibt es nicht", meint der CDU-Fraktionsvorsitzende im Rat, Wilfried Fabel. Ein Stadtoberhaupt müsse an sich strengere Maßstäbe anlegen lassen als Normalsterbliche. Mit seiner Affäre sei Dahlmann als Disziplinarvorgesetzter von 5500 Bediensteten untragbar geworden.

Für die Krefelder Grünen offenbart sich in den "schnellen Distanzierungen", daß "manch selbsternannter Moralapostel Angst davor hat, daß ein Teil seiner eigenen doppelbödigen Moral durchsichtig wird", so die Grünen-Sprecherin Rita Thies. "Die Moral der meisten, die Dahlmann nun verurteilen, zeigt sich in Aussagen wie: ‚Der Krefelder geht in Köln zum Friseur‘. Man darf also alles tun, man darf sich nur nicht erwischen lassen." Zugleich sei Dahlmann Opfer seiner eigenen Imagepflege geworden. Er habe sich als Autorität, als starker Mann, der die Verwaltung aufräumt, in Szene gesetzt. Seine nächtliche Affäre zeige nun, "daß man die Maßstäbe, mit denen man solche Autoritäten regelrecht konstruiert, infrage stellen muß. Heilige müssen sich irgendwann als Fälschung herausstellen." Roland Kirbach