Schon als junges Mädchen sorgte Maria Sybilla Merian mit ihrer Zeichenleidenschaft für Überraschungen. So stibitzte sie einmal aus dem Garten eines Grafen überaus wertvolle Tulpen als Malvorlage. Vom Talent der Diebin überrascht, begnügte sich der Graf mit einer ihrer Blumenzeichnungen als Entschädigung. Der Herr hatte Geschmack. Kein geringerer als Peter der Große legte später den Grundstock für eine umfangreiche russische Sammlung von Werken dieser außergewöhnlichen Frau, die bereits Anno 1699 – hundert Jahre vor Alexander von Humboldt – eine abenteuerliche Forschungsreise in den südamerikanischen Dschungel unternahm, um dort Pflanzen und Schmetterlinge zu beobachten, zu sammeln und zu zeichnen.

Der ersten deutschen Insektenforscherin, Tochter des berühmten Kupferstechers Matthäus Merian, hat die Wissenschaftsjournalistin Charlotte Kerner nun eine Biographie gewidmet. Die Autorin, die im vergangenen Jahr für ihre Lebensgeschichte der Atomphysikerin Lise Meitner den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt, hat damit erneut die vita einer (zu) wenig bekannten Naturwissenschaftlerin aufgerollt.

Maria Merian beobachtete schon als Dreizehnjährige Schmetterlinge und stellte am Beispiel der Seidenraupe fest, daß die "Sommervögel" eine komplizierte Entwicklung vom Ei über die Raupe und die Puppe bis zum Falter durchlaufen. Viele ihrer Zeitgenossen hielten Raupen noch für Teufelsbrut, die dem Schlamm entspringe. Frei von solchen Vorurteilen gehörte Maria Merian zu jenen Forschern, die die geschlossene Gelehrtenwelt in ihren lateinsprachigen Elfenbeintürmen aufbrachen: durch die Benutzung der deutschen Sprache wurde die Naturwissenschaft einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.

Zwar war die Forscherin, deren naturgetreue Zeichnungen und Kupferstiche später Weltruhm erlangten, von einer Systematik noch weit entfernt – die erstellte erst rund ein halbes Jahrhundert später der Schwede Carl von Linné. Aber Linné "kennt und verwendet dabei auch die Arbeiten von Maria Sybilla Merian. Ihr zu Ehren gibt er einer Mottenart den Namen Tinea Merianella". Charlotte Kerner vermerkt dazu, "daß forschende Frauen immer dann mehr Freiräume hatten, wenn ein Gebiet noch nicht etabliert war. Dann konnten sie Pionierinnen sein ..., dann waren die Frauenzimmer geduldet als willige Arbeiterinnen, die sammelten, beobachteten und ordneten, also die mühsame ‚Dreckarbeit‘ erledigten". An anderer Stelle weist sie dann darauf hin, daß zu Unrecht einige Falter die Autorennamen von Linné, Cramer oder Stoll tragen. "Als Autor gilt schließlich derjenige, der die erste gültige Beschreibung eines Tieres liefert, und das hatte Maria Sybilla Merian mit ihren Zeichnungen und Beschreibungen bereits getan, bevor die Herren, die selbst die tropischen Schmetterlinge nie gesehen noch gezüchtet hatten, ihre Arbeiten verwendeten".

Knapp und einprägsam werden die Stationen im Leben der Maria Merian geschildert. Immer wieder schafft es die naturbegeisterte Künstlerin, sich Freiräume zu sichern, obwohl zwei Töchter und eine Stick- und Malschule sie stark beanspruchen. Als ihre Ehe in die Brüche geht, siedelt sie mit ihren Kindern um zu einer pietistischen Sekte, den Labadisten, nach Westfriesland. Deren Missionare bringen nicht nur faszinierende Kunde aus Südamerika, sondern auch kostbare Falter und getrocknete Pflanzen.

Als die Sekte schließlich zerfällt, zieht es die kleine Familie ins liberale Amsterdam. Von dort aus gelangt sie, unterstützt von dem naturbegeisterten Bürgermeister und ausgerüstet mit einem Stipendium der Stadt, ins südamerikanische Surinam, alias Niederländisch-Guayana. Die ungeheuren Strapazen einer solchen Reise, die Maria Merian fast das Leben kosten, lassen sich aus dem Buch oft nur erahnen – der Höhepunkt im Leben der damals immerhin 52jährigen kommt nur relativ knapp zur Geltung.

Dennoch ist einem am Ende der Lektüre die resolute Wissenschaftlerin so vertraut, daß ihr Status als Frau fast zweitrangig erscheint. Selbst die Reise ins ferne Surinam wirkt wie eine zwangsläufige Folge ihrer Zielstrebigkeit und Faszination für die "Sommervögelein", wie Maria Merian die bunten Schuppenflügler nannte. Die wenigen (schwarzweißen) Abbildungen ihrer häufig kolorierten Stiche, Zeichnungen und Aquarelle machen neugierig auf die Originale – und nachdenklich zugleich: denn die rasche Zerstörung der tropischen Regenwälder und mit ihnen der Schmetterlinge, auf die Charlotte Kerner in einem Nachwort hinweist, ist erschreckend. Es führt den Leser wieder zurück in die Realität, nachdem er sich von einem schönen Buch vorübergehend in eine scheinbar verlorene Forscherwelt des Botanisierens und staunenden Betrachtens hat entführen lassen. Ines Köhlert