Von Rudolf Walter Leonhardt

Professor Lundquist von der schwedischen Akademie hat wieder zugeschlagen: Graham Greene wird als Nicht-Nobelpreisträger in die Literaturgeschichte eingehen. Er befindet sich da in der guten Gesellschaft von Tolstoi, Rilke, Joyce und Proust. Ihm kann das nicht mehr schaden. Längst hat er seine eigenen Maßstäbe gesetzt. Sie lassen die der Stockholmer Akademie als absurden Weltprovinzialismus erscheinen.

Kein Zufall, daß jetzt ein Romanchen, das nur mit Mühe und viel Weiß 222 Seiten füllt, die meisten Rezensenten dazu verführt, weit auszuholen. Denn auf die Frage, "sind denn/ Dr. Fischer aus Genf/ Mein Freund, der General/ Der zehnte Mann/ Monsignore Quijote/ und nun schließlich/Der Mann mit vielen Namen/ wirklich nobelpreiswürdig?" kann die ehrliche Antwort nur heißen: sicher nicht.

Sie werden es erst als die Alterswerke eines großen Romanciers, des größten unter den noch lebenden; eines Romanciers, der in fünfzig Jahren ein Dutzend Welterfolge geschrieben hat.

Daß Graham Greene in Deutschland nicht ein so enthusiastisches Leserpublikum gefunden hat wie anderswo zwischen Paris und Tokio, liegt wohl nicht zuletzt daran, daß er in deutscher Sprache nie einen Stil finden durfte. Mir ist kein anderer Autor bekannt, dessen deutsche Übersetzer so häufig gewechselt haben, und wirklich gute waren selten am Werk.

Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich nicht weiß, wer Monika Blaich ist. Aber vielleicht könnte der Zsolnay Verlag, der doch mit der Ausgabe von Greenes Werken einiges verdient haben müßte, jemanden wie diese Frau darum bitten, nun mal den ganzen Greene, von Anfang an, neu zu übersetzen. Jedenfalls hat sie bei der Übersetzung von "The Captain and the Enemy" endlich einmal den richtigen Ton getroffen. Ihr Fehler war es gewiß nicht, daß der österreichische Verlag sich gerade bei Greenes Büchern offenbar keinen schlechteren Titel als den des englischen Originals vorstellen kann. Ich sehe die unsägliche Vertreter-Versammlung förmlich vor mir. ",Der Kapitän und der Feind‘, das können wir nicht verkaufen." Ob "Ein Mann mit vielen Namen" so viel verkäuflicher ist?

Unter den Mini-Werken der letzten Jahre (Greene: Je älter ich werde, desto kürzer werden meine Sachen") darf allenfalls die schreckliche Geschichte von dem Doktor aus Genf noch Anspruch erheben, am richtigen Platz, nämlich am Ende, des erzählerischen Werks von Graham Greene zu stehen. "Mein Freund, der General" sowie "Monsignore Quijote" sind nur halb fiktiv und gründen sich auf ältere Tagebuchnotizen. "Der zehnte Mann" wurde, vor mehr als vierzig Jahren geschrieben, zufällig in einem amerikanischen Drehbuch-Archiv gefunden.