Mütter und Töchter, das liebt und streitet sich, findet die eigenen Fehler und Fähigkeiten in der anderen Person. Trotz aller guten Vorsätze kann die Mutter nicht aufhören, in der heranwachsenden Tochter das auf sie angewiesene Kind zu sehen. Und die Tochter verläßt sich, bei allen Ablösungsbestrebungen, auf bedingungslose Hilfe. Und schließlich gehen sie sich nur noch auf die Nerven.

In den letzten Jahren haben viele erwachsene Töchter die verkorksten Beziehungen zu ihren Müttern in Sachbüchern und Biographien aufgearbeitet. Hier ist nun ein Roman: "Tochterliebe", ein oder zwei Wochen aus dem Leben eines achtzehnjährigen Mädchens.

Eine Party: Jessica wird volljährig. Mitten im Fest der Anruf des Krankenhauses, Jessicas Mutter ist mit ihrem Porsche schwer verunglückt. Man sieht: Mutter und Tochter sind wohlhabend, Penthouse, Porsche, für Jessica zum Geburtstag ein Auto, eine Gruppe von Popper-Freunden.

Instinktiv fühlen die, daß ihre glatte Welt angekratzt werden könnte; sie ziehen sich zurück mit ein paar lahmen Sprüchen, nicht böse, kaum mitfühlend, ihrem Ideal entsprechend, das "cool bleiben" heißt. Jessica wartet allein auf den Anruf des Krankenhauses. Sie findet beim Herumstöbern die Tagebücher ihrer Mutter aus den Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren. In den nun kommenden Tagen wird Jessica mit einer Welt konfrontiert, die sie nur durch Filme kennt, Krankenhaus, Polizei und immer wieder mit dem Krieg in den Tagebüchern. Sie hat Angst um die Mutter, die noch im Koma liegt. Sie trifft einen jungen Mann, der im Krankenhaus Zivildienst leistet, lernt seine bäuerliche Familie kennen. Jessica beginnt, über sich nachzudenken.

Es gibt kein glückliches Ende, nur eine Hoffnung, die Mutter wird von der Intensivstation in ein Krankenzimmer verlegt, erste Zeichen des Wiedererkennens.

Das hätte leicht in Kolportage abrutschen können: "Junges Mädchen lernt Ernst des Lebens kennen". Verhindert wird es durch die präzise Schilderung, beispielsweise der von Jessicas Freunden mit ihren Vorlieben, ihrem Gruppenverhalten und vor allen Dingen durch die Tagebücher, die einen großen Teil des Buches ausmachen. Auch die Daten stimmen; es wird einsehbar, warum die Mutter so ehrgeizig ist, ihren Beruf über alles stellt.

Es wird aber auch klar, daß eine verwöhnte Schülerin wie Jessica einen harten Anstoß braucht, um aus ihrem Gruppentrott auszubrechen. Und so ist auch der Unfall dramaturgisch berechtigt.