Von Michael Braun

Im Dezember 1985 ging für die englische Lyrik eine Epoche zu Ende: Innerhalb einer Woche starben mit Robert Graves, Geoffrey Grigson und Philip Larkin drei ihrer bedeutendsten Vertreter. Es kennzeichnet die Beschränktheit der westdeutschen Lyrik-Diskussion, daß diese Namen bei uns nach wie vor kaum geläufig sind. Zwar wird Robert Graves als der große rätselvolle Mythologe gelesen, als Lyriker ist er hierzulande jedoch unbekannt. Über Philip Larkin, den man auf der Insel rühmt als "the best of the post-Second World War generation of poets and the most exciting new poetic voice – with the possible exception of Dylan Thomas" (Kenneth Allot), schrieb 1969 ein englischer Kollege in den Akzenten: "Er ist wohl unser bester lebender Lyriker."

Solche Urteile stießen bei hiesigen Verlegern und Redakteuren auf taube Ohren. Zweimal ist in den siebziger Jahren mit wenig Erfolg versucht worden, Philip Larkins Gedichte dem westdeutschen Publikum vorzustellen. Erst jetzt, drei Jahre nach Larkins Tod, wagt der Klett-Cotta-Verlag mit einem zweisprachigen Auswahlband einen neuen Anlauf.

Nach einem eher mittelmäßigen lyrischen Debüt ("The North Ship", 1945) hatte Larkin als Autor zweier Romane ("Jill", 1946; "A Girl in Winter", 1947) auf sich aufmerksam gemacht, bevor er sich endgültig für die Lyrik entschied. Nur eine Handvoll Gedichte hat er seither pro Jahr geschrieben; seine insgesamt vier Gedichtbände erschienen im Abstand von jeweils einem Jahrzehnt. Die englischen Poeme, die in den Bänden "The Less Deceived", (1955), "The Whitsun Weddings" (1964) und "High Windows" (1974) versammelt sind, gehören in ihrer meditativen Konzentration auf die Themen Einsamkeit, Trauer, Krankheit und Tod zu den besten europäischen Beispielen lakonischer Gedankenlyrik.

Larkin entwirft innerhalb der poetischen Moderne die radikalste Antithese zur Esoterik der Dichter-Priester Eliot und Pound. Ihre ästhetizistischen Posen, ihre Bildungsbeflissenheit und ihren Kosmopolitismus bedachte er mit unverhohlenem Spott. Sein Kommentar zum Traum von einer kulturübergreifenden, weltliterarisch ambitionierten Poesie, formuliert in einem Interview mit dem London Magazine aus dem Jahre 1964, fällt denkbar knapp aus: "Ausländische Lyrik? Nein!" Gegenüber lyrisch aufbereitetem Bücherwissen und devoter Traditions-Ehrfurcht hegte er, der selbst vierzig Jahre seines Lebens als Bibliothekar arbeitete, eine lebenslange Abneigung. Auf Rimbauds emphatisches Diktum "Ich ist ein anderer" antwortet Larkin mit trockenem Pragmatismus: "Ich glaube, ich versuche immer, die Wahrheit zu schreiben, und würde kein Gedicht schreiben wollen, das nahelegte, daß ich ein anderer bin als der, der ich bin."

Larkins poetische Konzeption gestattet sich denn auch keine Rückgriffe auf antike oder biblische Mythen. In seinen poetologischen Statements kritisiert er immer wieder die These der Modernisten, daß Gedichte in einem Raum bereits vorhandener Texte entstehen und auf diese reagieren, als fatale Entmündigung der Poesie.

Schon 1942 notiert Larkin in einem Brief an einen damals noch unbekannten Poeten deutscher Abstammung, den achtzehnjährigen Michael Hamburger: "Für mich bedeutet "Tradition in der Dichtung’ ganz einfach Gefühl und Authentizität des Gefühls, und wenn das vermittelt wird, kommt es nicht darauf an, wer schreibt und wie er es schreibt."