Von Herbert Schäfer

Die Show in einem Stuttgarter Nobelhotel hätte kaum peinlicher sein können: Es ging um die Ehrenrettung der Spätzle vom Fließband. Wegen ekliger Zutaten, vermutlich hineingeraten mit flüssigem Ei aus Holland, wurden sie von Millionen Hausfrauen boykottiert. Im Beisein von Presse und Fernsehen wollten nun Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth und Deutschlands Nudelkönig Klaus Birkel verlorenes Vertrauen zurückgewinnen – gemeinsam, als Vorschmecker der Nation.

Immer wieder langten sie zu, um der Journalistenschar zu demonstrieren, wie vortrefflich es ihnen mundete. Der Skandal um verdorbenes Flüssigei für die Lebensmittelindustrie sei halb so schlimm.

Viel Wirtschafts- und Politprominenz war der Einladung der schwäbischen Teigwarenlobby zum Gratis-Menü gefolgt. Nur die Opposition im Landtag blieb fern. "Diese Spätzle", so prophezeiten die Sozialdemokraten, "werden Späth noch lange im Magen liegen." Kopfschüttelnd registrierten sie, wie er mit seiner Verbeugung vor der Nudelindustrie den Beamten des Stuttgarter Regierungspräsidiums in den Rücken fiel, die erst kurz zuvor in einer Verbraucherwarnung alarmierende Untersuchungsbefunde veröffentlicht hatten: In den Eiernudeln namentlich aufgeführter Firmen seien nicht nur Bakterien und Pharmarückstände (wie das krebsverdächtige Hühnerseuchenmittel Chloramphenikol), sondern auch Spuren angebrüteter Eier entdeckt worden.

Das war im Herbst 1985 ... Jetzt, drei Jahre danach, erweist sich, daß die SPD recht behielt. Birkel hat es seinem CDU-Parteifreund und damaligen Mit-Esser Späth nicht gedankt, daß dieser sich vor den Werbekarren spannen ließ, sondern servierte ihm – quasi als Nachschlag – eine saftige Schadenersatzklage. Vom Land Baden-Württemberg verlangt er 4,3 Millionen Mark. Das sei noch recht bescheiden, wenn man bedenke, daß der durch behördliches Verschulden erlittene Gesamtumsatzverlust zehnmal höher liege: Nur weil das Regierungspräsidium seinerzeit in der Presseverlautbarung Roß und Reiter genannt habe (danach waren unter anderem 7-Hühnchen-Birelli, Spaghetti und Maccaroni des Hauses durch Flüssigei mikrobiell verdorben), seien ihm die Kunden massenhaft abgesprungen, behauptet der Endersbacher Fabrikant.

Über seine in einer rund hundert Seiten umfassenden Klageschrift enthaltenen Forderungen soll am 13. Dezember vor der 17. Zivilkammer des Stuttgarter Landgerichts erstmals verhandelt werden. Birkel-Sprecher Helmut Lanzrath: "Uns geht es neben dem Ersatz des materiellen Schadens um die Wiederherstellung des guten Rufs unseres Hauses."

Außerdem werfe man der Behörde grobe Amtspflichtverletzung vor: Sie habe in jener Pressemeldung vom 15. August 1985 auch Nudelprodukte erwähnt, für deren Herstellung das Werk überhaupt kein umstrittenes Flüssigei, sondern nur einwandfreies Trockenei, also Eipulver, verwendet habe. In diesem Rohstoff sei ein wissenschaftlich fundierter Nachweis angebrüteter Eier nach dem Stand der damaligen Labortechnik gar nicht möglich gewesen. Das gehe aus Gutachten des seinerzeit vom Regierungspräsidium zu Rate gezogenen Untersuchungsinstituts zwar eindeutig hervor; das Präsidium habe jedoch diese Expertenaussagen in seiner Presseverlautbarung nicht berücksichtigt und somit der Öffentlichkeit ein falsches Bild vermittelt.