Martin Scorseses Film "Die letzte Versuchung Christi" ist unzweifelhaft ein peinliches Werk. Fraglich ist nur, ob diese Peinlichkeit das Problem des Films ist oder unser Problem mit der Figur Jesu Christi.

Natürlich ist es komisch, wenn Judas in der Abendmahlszene die letzten Tropfen aus dem Kelch schüttelt, um zu sehen, ob Jesus wahr gesprochen hatte, als er sagte: "Das ist mein Blut." Und siehe da: Der dickflüssige rote Saft, den Judas ungläubig auf seiner Hand verreibt, ist kein Wein, es ist Blut. Das ist komisch, weil Scorsese den filmischen Augenschein als Wahrheitsbeweis nimmt. Als hätten wir nicht genug Filmblut erlebt, um zu wissen, aus welchem Stoff das ist.

Die Szene ist mehr als komisch: Denn ernster kann man den ungeheuerlichen Satz Jesu gar nicht nehmen. Wir haben ja, vor allem in Deutschland, in dieser theologischen Hochburg, lange genug diskutiert und interpretiert, um am Ende überhaupt nicht mehr zu wissen, wie wir mit diesen hochfahrenden Jesus-Sätzen umgehen sollen. Sind es Sinnbilder, Metaphern oder gezielte Provokationen, deren Wahrheit jenseits ihrer semantischen Bedeutung liegt?

Wie auch immer: Wörtlich nehmen wir die Bibel längst nicht mehr; das schließlich haben wir von der Exegese und der ganzen Entmythologisierungsdebatte gelernt. Nein, Blut war das wohl nicht. Und schnell sind wir bereit, Uta Ranke-Heinemann zuzustimmen, wenn sie sagt, natürlich sei Maria nach der Zeugung von Jesus keine Jungfrau mehr gewesen. Bei Lukas fragt Maria: "Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß?" Wir aufgeklärten Halbchristen oder Nichtmehrchristen kennen längst die Antwort: Es ging halt so zu, wie es unter Menschen zugeht.

Martin Scorsese weiß auf alle diese Fragen keine Antwort. Der Italo-Amerikaner Scorsese, römisch-katholisch erzogen, aufgewachsen in der Nähe von Manhattans Little Italy, in seiner Jugend von dem Wunsch beseelt, Priester zu werden, hat mit diesem Film offenbar einer autobiographischen Obsession nachgegeben und sich auf die Suche nach Jesus von Nazareth begeben.

Das Ergebnis dieser Suche wirkt deshalb peinlich, weil er das Evangelium wörtlich nimmt, wörtlicher als Nikos Kazantzakis, dessen Jesus-Roman insofern "modern" ist, als er zum Beispiel die Auferweckung des toten Lazarus lediglich als Botenbericht vorkommen läßt. Scorsese zeigt sie. Die Jünger rollen die Grabplatte beiseite, und damit wir nicht auf die Ausrede kommen, der Mann sei scheintot gewesen, müssen wir mitansehen, wie die Hinterbliebenen vor dem Verwesungsgeruch zurückweichen und sich die Nase zuhalten. Auch Jesus hat sichtbar Mühe mit dem Gestank, als er sich in das schwarze Loch hinabbeugt und dem toten Lazarus befiehlt, herauszukommen. Der regt sich lange nicht, bis endlich, wie in einer Geisterbahn, ein Mumienarm aus dem Dunkel herausschnellt. Da hat sich’s schnell gelacht. Aber: Die Szene ist genauso komisch, wie ein derart unerhörtes und erschütterndes Ereignis, wenn es denn passiert ist, auch gewirkt haben muß.

Scorsese zeigt, was es heißt, die Schrift wörtlich zu nehmen. Wenn der Satan den in der Wüste bangenden und betenden Jesus verführt, dann erklingt eben nicht eine Stimme aus dem Nirgendwo, sondern eine schwarze Schlange zischelt und züngelt, und ein Löwe, herabgestiegen wie aus einem Gemälde von Rousseau, verspricht alle Reiche dieser Welt. Und als bei Jesu Gefangennahme einer der Jünger dem Malchus das Ohr abschlägt, da sehen wir bei Scorsese, wie Jesus das zu Boden gefallene Stück aufhebt und das Ohr wieder heilmacht. Das steht bei Lukas, und entweder war es so, oder es war nicht so.