Von Dietrich Strothmann

Hannover, im November

Wetten werden noch angenommen: Schafft es Gerhard Schröder diesmal, oder verfehlt er wiederum knapp das hochgesteckte Ziel, Ministerpräsident einer SPD-Regierung in Niedersachsen zu werden? Mit dem Antrag auf Selbstauflösung des Parlaments, über den gegen Monatsende abgestimmt werden soll, wird er wohl scheitern, die erforderliche Zweidrittelmehrheit nicht bekommen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. In diesem Fall will er dann die Vertrauensfrage stellen, über die mit einfacher Mehrheit Mitte Dezember entschieden wird. Dafür gibt es keine sichere Prognose: Denn es kommt – im Lager der CDU/FDP-Koalition – auf eine einzige Stimme an.

Da mag es den einen oder anderen wankelmütigen Kantonisten geben, den wegen Wahlbetrugs vorbestraften Hinterbänkler Kurt Vajen etwa, gegen den letzte Woche ein weiteres Verfahren (wegen Nötigung) eingeleitet wurde: Rache ist süß. Da kann es aber durchaus auch den einen oder anderen Sozialdemokraten geben, der seit langem mit dem zuweilen schroffen, schnellen Schröder noch ein Hühnchen zu rupfen hat. Der Kandidat selber mag das im Stillen keineswegs völlig ausschließen, eher aber zieht er schon die unbegründete Furcht einiger altgedienter Abgeordneter ins Kalkül, bei vorgezogener Neuwahl – als Folge eines Mißtrauenserfolges über Ernst Albrecht – von der neuen Kandidatenliste gestrichen zu werden. Das wäre mit erheblichen finanziellen Einbußen verbunden; bis 1990, dem regulären Wahltermin, hätte sich sonst noch eine ansehnliche Diätensumme angesammelt.

Schröder will davon nichts hören. So geschwind, wie zu dem angepeilten Neuwahltermin im nächsten Frühjahr, ließen sich alte Kandidaten nicht abschießen oder neue aus dem Hut zaubern. Und die befürchtete Frauenquote sei sowieso erst ab 1990 wirksam, geeignete Bewerberinnen ohnehin Mangelware in Niedersachsen.

Denkbar ist noch eine dritte Wette um Schröders Schicksal – er verliert die nach Albrechts Abwahl angesetzte zweite Selbstauflösungsabstimmung des Landtages – oder er gewinnt sie, aber anschließend nicht die vorgezogene Neuwahl. Was wird dann aus dem Stürmer und Dränger, der schon 1986, wenn auch haarscharf, Albrecht unterlegen war? Oder was wird aus ihm, wenn keine dieser Rechnungen außerhalb der gewohnten parlamentarischen Prozedur aufgeht und er ganz regulär, ganz normal und gewöhnlich in zwei Jahren noch einmal im Duell mit dem CDU-Spitzenkandidaten auf der Strecke bleiben sollte? Auch daran denkt Gerhard Schröder durchaus realistisch und kühlen Kopfes.

Dreimal hätte er dann, immerhin erst 46 Jahre alt, den kürzeren gezogen – dreimal zuviel vor allem für ihn, den Ehrgeizigen, den hoffnungsvollen, jungenhaften Brandt-Enkel, der es bisher nie gewohnt war, allzulange auf politische Karrieresprünge zu warten: über Nacht Bundesvorsitzender der Jungsozialisten in schwierigen Zeiten; auf Anhieb Bezirksvorsitzender des größten Landesbezirks (Hannover); im ersten Anlauf und mit einem überraschenden Resultat Bundestagsabgeordneter; mit einem Streich Spitzenkandidat der SPD zur Landtagswahl 1986 (wo ihm gerade 25 000 Stimmen fehlten, um schon damals Albrecht abzulösen).