Ein Göttinger Gynäkologe sammelte Muttergottheiten

Von Esther Knorr-Anders

Die hilfsbereite Hotelangestellte erklärt mir den Weg: "Etwa zehn Minuten immer geradeaus. Beim Theaterplatz biegen Sie rechts ab, gehen in den Park hinein und die Stufen hinauf. Schon sind Sie da." Den Zeitangaben Einheimischer mißtraue ich aus Erfahrung. Sie kennen ihre Stadt, finden ohne Umweg das Ziel. Nicht so der Fremde. Vorsorglich kalkuliere ich 30 Minuten ein, was sich als glücklicher Einfall erweisen wird.

Wohlgemut ziehe ich los, gelange in den Fußgängerbereich. Von Minute zu Minute gefällt mir Göttingen besser.

Wer hätte eine derart prächtige und prächtig restaurierte Altstadt erwartet? Fachwerkbauten mit Figurenschmuck bilden einen Blickfang. Marmortafeln an zahllosen Häusern tragen die Namen berühmter Persönlichkeiten, die an der Universität gelehrt oder studiert haben: Jacob und Wilhelm Grimm, Georg Christoph Lichtenberg, Alexander von Humboldt und viele andere. Die Marmortafeln beweisen, daß die Göttinger mit Humor gesegnet und von Sparsamkeit durchdrungen sind. Mir wurde gesagt, daß es sich bei den Tafeln um unmodern gewordene Nachttischplatten aus Hotel- und Privatbesitz handele. Marmor behält eben seinen Wert.

Ich blicke auf die Uhr. Zehn Minuten sind verstrichen. Von einem Platz, gar einem Park keine Spur. Etwas eilig stiefele ich weiter – und lande auf dem Marktplatz. Er wird vom "Alten Rathaus", einem Prunkstück aus dem 14. Jahrhundert, beherrscht und vom "Gänselieselbrunnen" aus dem Jahr 1901. Die kindhafte Bronzeschönheit gilt als das "meistgeküßte Mädchen der Welt". Es ist Brauch, daß jeder Doktorand dem Gänseliesel einen Kuß aufdrückt. Die meisten fallen bei diesem Akrobatikakt ins Wasser.

Ein paarmal frage ich nach dem Weg und ernte Kopfschütteln: "Bin selber fremd." In der Nähe einer Kirche mache ich halt. Um sie herum ist der Boden aufgebuddelt. Tief im Erdreich des freigelegten Geländes ruhen Skelette. Einzelne Gebeinteile liegen verstreut, dort ein Schienbein, hier ein Schädel. Mir bleibt die Spucke weg. Doch morgen wird mir der Archäologe Sven Schütte die Geheimnisse der Fundstätten bei der St. Nikolai-Kirche erklären: