Soziologie in der Trümmerzeit /

Von Sven Papcke

Mitte 1937 erschien im Victor Gollancz Verlag in London eine erste, durchaus schon umfassende Beschreibung des Hakenkreuzregimes unter dem Titel "Wesen und Struktur des deutschen Faschismus". Dem amerikanischen Autor Robert Brady, Wirtschaftswissenschaftler aus Berkeley, ging es vornehmlich um den "institutionellen" Aufbau des Dritten Reiches. Sein Buch beginnt gleichwohl mit einem bemerkenswerten Abschnitt über die Gleichschaltung aller intellektuellen Reserven des Landes. Auch die Universitäten mußten der Diktatur dienen und hatten daher kaum mehr etwas mit "unabhängiger" Forschung zu tun. Brady ging auf diese Zustände nur beiläufig ein, erst ein Jahr später – 1938 – wurde in Frankreich eine Studie mit dem Titel "Freie Forschung" veröffentlicht, die sich ausschließlich dem Dilemma der Wissenschaften im Dritten Reich widmete. Der seinerzeit in Lyon im Exil lehrende Sozialwissenschaftler Emil Gumbel dokumentierte in diesem Buch gemeinsam mit zahlreichen, aus dem deutschsprachigen Raum geflüchteten Dozenten die gründliche Erniedrigung der Gelehrsamkeit unter brauner Fuchtel.

Trotz aller Beschönigungen des eigenen Verhaltens in der Vergangenheit, die nach dem Krieg gängig waren, mußte die Stickluft in den akademischen Wandelhallen während der Nazizeit schließlich erörtert werden. Angesichts der Blamage, daß sich ein so hoher Prozentsatz belasteter Hochschullehrer von den Alliierten vor die Tür gesetzt sah, wurde die Kontinuität der Lehrenden an den Hochschulen durchaus zum Problem.

Erst gegenwärtig aber wird richtig wahrgenommen, daß ganze Universitätsfächer auch als "tödliche Wissenschaft" gewirkt haben, wie sich der Kölner Genetiker Benno Müller-Hill mit Blick auf Medizin, Anthropologie und Psychologie ausgedrückt hat. Hinzu kommen noch die Juristen, Arbeitswissenschaftler, Geographen, Verwaltungslehrer, die dem Nationalsozialismus ebenfalls freudig zugearbeitet haben. Neuerdings werden aber auch solche Fächer mindestens der begeisterten Mitläuferei verdächtigt, die nach 1933 nicht weiter hervorgetreten zu sein schienen, wie etwa die Theologie, die Politikwissenschaft, die Pädagogik oder auch die Kunstwissenschaft.

In Zusammenhang mit einer neuen Welle der Vergangenheitsbewältigung nun, die wissenschaftsgeschichtlich längst überfällig war, ist das Augenmerk auch auf die Soziologie gefallen. Die Zunft der Sozialwissenschaftler hatte sich auf ihrem ersten Nachkriegssoziologentag im September 1946 in Frankfurt am Main selbst einen Persilschein ausgestellt. Es gab nichts zu bewältigen, so erklärte Leopold von Wiese als Nestor des Treffens, und von einem "Versagen der Soziologie" könne gar keine Rede sein. Frischen Mutes dürfe man sich laut Kongreßmotto daher an die "Gegenwartsprobleme" wagen. Wie war es möglich, daß gerade dieses Fach, das doch immer der "Maskenlüfterei" verdächtigt worden war, die Vergangenheit mitsamt der eigenen Fachgeschichte so lange aussparte? Dies zu klären ist ein wichtiger Beitrag zu einer Soziologie der Tabus.

Erhellendes zu diesen Ausfallerscheinungen, beileibe nicht nur der Soziologie, läßt sich freilich erst sagen, wenn nachvollziehbar wird, was in der Umbruchphase von 1945 bis 1950 geistig bewegt wurde. Während der geschichtliche Horizont gut ausgeleuchtet scheint, liegt über dem intellektuellen Klima noch immer jener Mantel der "Diskretion", der erst jüngst wieder als "staatstragend" bezeichnet worden ist. Was ist mit Blick auf die vergangenen Scheußlichkeiten damals alles versäumt worden? Welche andere Zukunft wurde verbaut? Dieser Aufklärungsarbeit hat jetzt Christoph Cobet ein vielbändiges "Handbuch der Geistesgeschichte in Deutschland nach Hitler" gewidmet, in dessen Rahmen auch der Sammelband zur Vorgeschichte der bundesrepublikanischen Soziologie entstanden ist.