Von Bartholomäus Grill

Gerade erst vor zehn Jahren forsteten die Apokalyptiker im Lande die deutsche Sprache mit dem Begriff "Waldsterben" auf. Die Regierung machte sich diese Untergangsvokabel freilich nicht zu eigen, sondern erfand – weil auch sie nicht mehr über die hinsiechenden Forsten hinwegsehen konnte – den Terminus "neuartige Waldschäden". Der Landwirtschaftsminister, beauftragt, die kranken Bäume zu bilanzieren, legt seither jedes Jahr den Waldschadensbericht vor, der, wie er alljährlich betont, keinen Anlaß zur Panik gibt. "Blinder Aktionismus nutzt nichts. Es ist notwendig, das Richtige mit Augenmaß zu tun", sprach Ignaz Kiechle, als diese Übung noch jung und der Wald noch gesünder war.

Die Forscher stritten über die Ursachen und dachten sich bald 200 Hypothesen aus. Die Waldbauern und Förster klagten. Die deutsche Waldseele, geboren aus teutonischer Romantik, schrie auf. Und die Umweltpolitiker taten das Richtige mit Augenmaß. Allein, im Fichtelgebirge, Harz oder Spessart hat alles nichts geholfen: 3,9 Millionen Hektar oder 52,4 Prozent unserer Wälder sind krank, konstatiert der jüngste Bericht aus Bonn. Nun steht sogar der neben der Weltesche Yggdrasil deutscheste aller Bäume auf der roten Liste: Sieben von zehn Eichen sind bedroht, obwohl ihnen der Wettergott in den letzten Vegetationsperioden recht hold war.

Gegenüber dem Vorjahr habe sich die Lage nicht verschlechtert, heißt es regierungsamtlich. Doch die Statistik trügt: Die in der vergangenen Saison eingeschlagenen Schadholzbestände werden in der offiziellen Rechnung unterschlagen; augenscheinliche Symptome wie Angsttriebe oder Lametta-Äste, die jeder Naturfreund mit einigermaßen geschärftem Blick ausmachen kann, übersehen die Forstbeamten – jedenfalls, wenn sie zwecks Datensammlung die Wälder durchkämmen und jene 132 492 Bäume inspizieren, die dort als Bioindikatoren ausgewählt sind. Zu schweigen von den unsichtbaren Symptomen: Das Edaphon, das Leben in der Walderde, ist noch immer weniger erforscht als der tote Boden des Mondes.

Unzulängliche Zahlen, falsche Prognosen. Der TÜV Rheinland sagte 1985 voraus, daß die Stickoxid-Emissionen aus Personenkraftwagen bis 1988 um ein Viertel zurückgehen würden. Tatsächlich sei der Gesamtausstoß dieser Umweltgifte, welche die Gemeinde der Wissenschaftler zwischenzeitlich als hauptsächliche Waldkiller ausgemacht hat, um sieben Prozent gestiegen, errechnete das Heidelberger Umwelt- und Prognose-Institut. Trotz bleifreien Benzins, Kat-Mobil und schadstoffärmerer Motoren rieseln per anno 3,16 Millionen Tonnen Stickoxide auf die Republik nieder – mehr als je zuvor.

Zwar bemühte man sich redlich, andere Luftschadstoffe zu reduzieren. In Sachen Schwefeldioxid hat die Bundesrepublik sogar einen beachtlichen Erfolg aufzuweisen: Die Emissionen wurden seit 1980 um rund 50 Prozent gedrosselt. Doch Autoboom und Geschwindigkeitsrausch konterkarieren alle zaghaften Versuche, unsere Wälder (und unsere Lungen) zu entlasten. Welche Schizophrenie: Die wirksamste und billigste Sofortmaßnahme – ein Tempolimit – scheint den bundesdeutschen Rasern nicht zumutbar. Wie sagte doch Wolfgang Kartte, Präsident des Bundeskartellamtes, neulich auf einer Tagung des ADAC: "Wenn es Aufgabe der Politik ist, den Menschen Chancen für Glück zu verschaffen, so muß die Politik uns unsere Freude am Auto lassen."

Nicht mehr der Wald, wie Elias Canetti schrieb, sondern das Auto ist heutzutage das Massensymbol der Deutschen. Wo Freiheit sich nach zitternder Tachonadel bemißt, muß Aufklärung scheitern. Der Waldschadensbericht verkommt zum Ritual der Vergeblichkeit, alle Besorgnis zur Pflichtübung. Vielleicht werden wir uns um die Jahrtausendwende, wenn die von Forstexperten befürchtete Klimax der "neuartigen Waldschäden" eintritt, eines Gedichtes von Karl Kraus erinnern: Fluch euch, die mir das angetan!/Nie wieder steig ich himmelan!/Wie war ich grün. Wie bin ich alt./Ich war ein Wald! Ich war ein Wald!