Um das Gute zu lesen, sei eine Bedingung, daß man das Schlechte nicht lese, sagte Schopenhauer. "Denn das Leben ist kurz, Zeit und Kräfte beschränkt."

Was aber ist gute, was schlechte Literatur? Glück hat, wer in den Anfangsjahren des Lesens einen Mentor findet für erste Orientierungsversuche, sagt Wollschläger: Dem werden Mißgriffe erspart, Verzetteln, lähmende Umwege.

Wegweiser, Textauswahl, Breviere, Anthologien gibt es inzwischen zahlreich. Aber nicht für alle kann gelten, daß sie tatsächlich Anstiftung zum eigenen Denken sind; mehr als süffige adventure stories, mehr als prickelnde Unterhaltungsstöffchen.

Schon ihre erste, 1986 erschienene Auswahl, die der Deutsche Taschenbuch Verlag praktisch, preiswert als Literaturkassette veröffentlicht hat, überschrieb die Herausgeberin mit dem Motto "Nachdenken über den Menschen". Da waren bedeutende Namen versammelt: von Kafka bis Böll. Auch die zweite Edition von Sybil Gräfin Schönfeldt liegt nun vor und ist großen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts gewidmet: Andersch, Capote, Fitzgerald, Márquez, Gordimer, Haushofer, Hemingway, Kaschnitz, Pantelejew, Rosendorfer. Sprache in allen nur denkbaren Facetten: phantastisch, grotesk, klassisch, realistisch.

Zum Beispiel Rosendorfers bizarre Erfindung jener Zwergin Flavia, deren Vater der mißgestalteten Tochter mit allen Aufwendungen und dem Luxus eines steinreichen Edelmannes eine raffinierte Kunstwelt erbaut. Eine Welt, die das Kind zärtlich behüten und darüber täuschen soll, daß es verwachsen, verkrüppelt ist. Wahnwitz einer barmherzigen Lüge, die konsequent in die Katastrophe führt. Parabel für die verheerenden Wirkungen des Verschweigens und Verbiegens der Wahrheit, mögen alle Motive dafür noch so großherzig sein.

Neben dieser subtilen literarischen Metapher die vitale, derb-komische Erzählung des sowjetrussischen Autors Leonid Pantelejew, der Petkas zähverbissenen Kampf um eine gestohlene goldene Uhr beschreibt. Vom nachrevolutionären Rußland, vom Elend heimatloser Verwahrloster, erfährt ein junger Leser mehr und genauer als in vielen nüchternen Geschichtsstunden.