Von Theo Sommer

Amerikas Wahlkampf-Marathon ist zu Ende, nicht jedoch der sechsmonatige Urlaub von der Weltgeschichte, den es sich alle vier Jahre gönnt: Erst am 20. Januar wird George Bush seinen Amtseid leisten. Was für ein Präsident steht uns da ins Weiße Haus?

Seine Biographie sagt nicht viel darüber aus (siehe Seite 2). Bush ist ein großer Anpasser, ein politischer Schlangenmensch – "ein Mann, der auf dem Schnee keine Fußspuren hinterläßt", wie sein republikanischer Rivale Bob Dole spottete. Der nächste Präsident hat Erfahrung, doch hängt ihm auch einiges Negative an: innenpolitisch seine Tatenlosigkeit als Chef der Sonderkommission zur Bekämpfung von Amerikas Problem Nummer eins, der Drogensucht und dem Drogenhandel; außenpolitisch seine Verwicklung in die Iran-Contra-Affäre und ehedem sein Kungeln mit Panamas Diktator Noriega. Manche seiner Freunde und künftigen Kabinettsmitglieder flößen Vertrauen ein: James Baker (Außenminister), Nicholas Brady (Finanzen), Dick Thornburgh (Justiz), Brent Scowcroft oder Winston Lord (Nationaler Sicherheitsberater). Bushs Wahl für das Amt des Vizepräsidenten freilich muß tiefe Zweifel an seiner Urteilskraft wecken: Dan Quayle, ein naßforsches Jüngelchen, das sich niemand ohne Herzbeklemmung als Nachrücker im Weißen Haus vorstellen kann.

Auch der Wahlkampf hat wenig Aufschluß zur Sache gebracht. George Bush führte ihn, als bewerbe er sich um das Amt des Großinquisitors, wie die New York Times anmerkte. Er verbiß sich in Randprobleme wie Freigang für Strafgefangene und die allmorgendliche "Verpflichtung auf die Flagge" in Amerikas Schulen. Den wirtschaftlichen Problemen ging er aus dem Wege: dem ungeheuren Tripeldefizit der Vereinigten Staaten (Budgetdefizit 140 Milliarden Dollar jährlich, Leistungsdefizit 140 Milliarden, Kapitaldefizit 200 Milliarden). Er verwarf jede Steuererhöhung zur Deckung der Lücken, ja kündigte sogar neue Steuersenkungen an. Gegenüber dem Elend des unteren Drittels in der amerikanischen Zweidrittel-Gesellschaft stellte er sich taub und blind.

Bushs außenpolitische und sicherheitspolitische Vorstellungen schließlich – sie klangen eher nach dem konfrontationsfrohen frühen Reagan als nach dem kooperationsfrommen späten Reagan; mehr nach Weinberger als nach Shultz; mehr nach Jeanne Kirkpatrick als nach George Kennan. Da klang nirgends die Erkenntnis an, daß die Nachkriegszeit zu Ende geht und eine neue Epoche anhebt.

Vier Jahrzehnte lang galten drei Faktoren als unabänderlich: die ständige, Bedrohung des Westens durch eine feindselige Sowjetunion; die Teilung Europas in zwei wasserdicht voneinander abgeschottete Hälften; die weltweite politische wirtschaftliche und militärische Vorherrschaft der Vereinigten Staaten. Aus dieser – durch die Realitäten durchaus gerechtfertigten – Einschätzung ergab sich wie von selbst, daß der Westen sich in der Nato einigelte; daß er es für wichtiger hielt, Divisionen an der Trennlinie aufzustellen als die Trennlinie zu durchlöchern; und daß Westeuropa sich, weil der militärische Beistand der Vereinigten Staaten unerläßlich war, dem Willen Washingtons auch politisch und wirtschaftlich fügte – fraglos, wiewohl nicht immer klaglos.

Die Gewißheiten von gestern gelten heute nicht mehr. Die Welt hat sich verändert. Damit aber geraten auch die alten Rezepte in die Zone des Zweifels.