Von Arnulf Baring

Am Anfang, im ersten Satz dieses höchst bemerkenswerten Buches von Josef Joffe heißt es, die Geschichte der Atlantischen Allianz sei die Geschichte ihrer Krisen. Und ganz am Schluß, in den letzten beiden Absätzen, kann man lesen, die Allianz habe sich für beide Seiten als außerordentlich vorteilhaft erwiesen. Wenn Westeuropa und die Vereinigten Staaten die Zukunft ihrer Beziehung ins Auge faßten, dann fehle es auffällig an Alternativen. Denn wegen ihrer Nähe, ihrer Macht und Ideologie bleibe die Sowjetunion Westeuropas natürlicher Gegner. Und die USA – "eher ungeschickt als herrisch, eher vergeßlich als tyrannisch" – seien Westeuropas natürlicher Alliierter.

Theoretisch könnten sich die Westeuropäer zwar von den Vereinigten Staaten trennen, aber nur um den Preis, diese ihre Abhängigkeit gegen eine andere einzutauschen. Die Freiheit, den Beschützer zu wechseln, verliere allerdings an Reiz, wenn sie lediglich bedeute, daß man in die Umarmung eines anderen gerate, der keinen späteren Partneraustausch gestatte. Ebensowenig wie Westeuropa seien die USA frei, sich umzuentscheiden. Gäben sie Westeuropa auf, riskierten sie eine entscheidende, strategische Niederlage. Kurz und gut, um es mit dem Schlußsatz dieser bedeutenden Studie zu sagen: "When shackles are strong and tight, they chafe – but they continue to hold" – frei und verkürzt übersetzt: Kettenglieder mögen scheuern. Doch sie halten.

Anfang und Ende von Joffes Buch geben dessen beruhigenden Grundton wieder. Doch das heißt nicht, daß Joffe, dieser dynamische, unruhige, sensible Mann, der außenpolitische Kopf der Süddeutschen Zeitung, einer der besten Beobachter der internationalen Szenerie, auf beiden Seiten des Atlantiks zu Hause wie wenige, ohne große Sorgen wäre. Sie gelten Westeuropa, gelten zumal Deutschland, dem markantesten Beispiel neuerer Fehlentwicklungen, die Joffe konstatiert, kritisiert – und fürchtet.

Es geht in diesem Buch wesentlich um Entwicklungen der achtziger Jahre, nicht um die Probleme, die schon immer dem Bündnis zu schaffen machten. Eingangs schildert Joffe kurz die altbekannten Ursachen transatlantischer Spannungen: die unterschiedlichen Machtpotentiale dort und hier, die verschiedene Reichweite der Interessen (die Vereinigten Staaten sind weltweit engagiert, die Europäer nur regional interessiert), eine unterschiedliche Verletzbarkeit, den koordinierenden Effekt der Nuklearwaffen. Henry Kissinger habe von einem geheimen Traum jedes Europäers gesprochen (falls es zum Nuklearkrieg komme, möge er über die Köpfe der Europäer hinweg zwischen den beiden Weltmächten ausgefochten werden); dem entspreche ein geheimer Traum der Amerikaner (einen eventuellen Nuklearkrieg weitab von Amerikas Küsten stattfinden zu lassen). Die Folgen solcher Träume, Alpträume, kann man sich ausmalen. Die Europäer, sagt Joffe, hätten immer alle Änderungen amerikanischer Strategie-Doktrinen mit Mißtrauen betrachtet und bekämpft, gleichgültig, ob sie die atomare Komponente stärker betont oder im Gegenteil abgeschwächt hätten.

Worin besteht nun das Neue in den europäischamerikanischen Krisen unseres Jahrzehnts? Da gibt es einmal die Annäherung Westeuropas an die Sowjetunion (wovon Joffes erstes Kapitel handelt). Sie war vielleicht eine unvermeidliche Folge des Entspannungszeitalters, das den Westeuropäern, zumal den Deutschen, Vorteile brachte, nicht aber den Amerikanern. Nach Afghanistan sprach man in Europa von der Teilbarkeit der Entspannung, worüber in den USA die Köpfe geschüttelt wurden.

Parallel zu dieser veränderten Sicht der Ost-West-Konstellation kam es in einigen wichtigen westeuropäischen Ländern zu starken innenpolitischen Kräfteverschiebungen (die das Thema der Kapitel 2 und 3 sind). Joffe denkt dabei vor allem an Großbritannien und die Bundesrepublik. Labour und die SPD seien heutzutage schlechthin gegen Atomwaffen – und als Konsequenz daraus gegen deren Lieferanten auf westlicher Seite, die USA. Zwar griffen diese beiden Parteien die Allianz als solche nicht frontal an. Aber ebensowenig seien sie bereit, sie konventionell zu stärken, seien weder atomar noch mit herkömmlichen militärischen Mitteln künftig zur Verteidigung aufgelegt.