Während das Faxgerät auf der oberbayerischen Post sich die ersten Seiten reinzieht, zählt der Schalterbeamte zusammen: "Sieben, acht, neun Blatt, dös is..." Er kratzt sich mit dem Bleistift am Hinterkopf, dreht seinen schwenkbaren Holzstuhl, holt einen Ordner, blättert, sucht, schwenkt zurück, rechnet... "31.50 Mark", ruft er und feixt: "Bis i kassiert hob’, sans scho ankimme in Hamburg, die Blattl." Die Umstehenden lachen, weil sie glauben, der Beamte mache einen Witz, dabei ist es ein Wunder: Da wird die Arbeit einer ganzen Woche in ein paar Minuten nach Norden kopiert, punktgenau, einschließlich der Kaffeeflecken.

Faxen machen? Fortan im Wortschatz gestrichen. Wir faxen! Anzeigen, Frachtbriefe. Design-Entwürfe. Handschriftliche Notizen. Diagramme, Landkarten. Präzis, schnell, kostensparend.

Die Bauplanänderung? Kann sich der Architekt am Freitag auch ins Golfhotel faxen lassen und – korrigiert – ins Büro zurückkopieren. Es fehlen Behandlungsunterlagen? Nein, kein neuer Termin. Der Facharzt wartet einfach auf das Fax. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da konnten die Geräte gar nicht miteinander, nur Siemens mit Siemens oder Kalle mit Kalle, heute kann jeder mit jedem, sogar Reagan und Gorbatschow sind kompatibel und spielen sich über den heißen Draht Unterlagen zu. Die Zahl der Telefax-Teilnehmer werde sich noch in diesem Jahr weltweit auf mindestens sechs Millionen verdoppeln, meint das Manager Magazin.

Aber Faxen spart nicht nur Zeit. Es macht auch noch Eindruck. Unvergeßlich wird uns so der fränkische Unternehmer bleiben, der im Café von Marbella seinen Drink absetzte, um auf seine Yacht zu streben: "Entschuldigt, aber ich erwarte ein wichtiges Fax." Er hatte sein Fax-Portable ans Bordtelephon geklemmt, was in jeder Hinsicht funktionierte: Der bayerische Geschäftspartner bekam für den Kauf einer Münchner Immobilie das schriftliche O. K., und auf die Yacht drängten die hübschesten Mädchen. Noch zieht ein Fax-Koffer neben dem Bett (nur drei Kilo schwer) mehr als jede Briefmarkensammlung.

Für Menschen der schreibenden Zunft aber sind die Geräte ein Himmelsgeschenk. Fax überspringt Welten. Setzt sich über alle Entfernungen und postalische Eigenheiten hinweg. Archiv-Unterlagen nach Tokio? Das Gerät wird programmiert, daß es zum Nachttarif sendet. Der Korrespondent in Rom will die Plazierung seines Artikels sehen? Das Lay-Out hat er in ein paar Minuten. Angesichts der unbegrenzten Möglichkeiten verwundert nicht, daß Kollegen ihre neuen Fax-Nummern bereits in Branchendiensten wie dem kress report ("ab jetzt im Fax-Netz"!) veröffentlichen. Ihr Stolz wird sich legen, wenn wir amerikanische Verhältnisse haben. "Jeder x-beliebige kann deine Faxnummer wählen und dir irgendeine dämliche Nachricht senden", klagt ein Faxgeschädigter in der New York Times, "und damit ist nicht nur dein Gerät belegt, es kostet dich auch noch Geld – nämlich zehn Cents pro Seite". Noch ist die Maschine nicht schlau genug, zwischen Werbung und Nachricht zu unterscheiden. Und so mischt sich dann zwischen die Geschäftsberichte aus aller Welt der aktuelle Menü-Vorschlag von der Pizzeria an der Ecke: The wanted Fax.

Unsere Zukunft ist auch klar. Wir werden noch dann die hohen Raten unseres vorschnell abgeschlossenen Leasing-Vertrages bezahlen, wenn bei "Tschibo" die ersten billigen Home-Faxe im Schaufenster herumliegen. Aber im Grunde wollen wir es ja gar nicht mehr missen, das knarzende, raunzende Gerät, eine Hotelbuchung ohne Fax käme uns gar nicht mehr in den Sinn. Allein unser Zeitproblem besteht unverändert, führt doch das Wissen um die schnellere Übertragungsform einzig und allein dazu, daß wir mit dem Schreiben noch später beginnen, nun aber leider der Ausrede, die Post sei an der verspäteten Abgabe des Manuskriptes schuld, verlustig gegangen sind. Zudem reißt eine gewisse Zettelwirtschaft ein, die man dank der Benutzung eines Personal Computers gerade bewältigt zu haben schien. Weil das Kommunizieren soviel Spaß macht, kommuniziert man eben ziemlich, genauso wie man alles zur Sicherheit kopiert, seitdem man zur Sicherheit ein Kopiergerät hat. Man muß so ein Gerät erstmal haben, um zu erkennen, daß man ohne verloren ist. Da rutscht denn – piep,piep – auch mal eine Seite mit einem Herz aus der Maschine. Nicht rot, – Buntfax ist noch in der Probephase –, aber schön aufgemalt. Die erste fax attack. Da lob’ ich mir den guten alten Flirt am Telephon. Wo bleibt das Lachen? Der Atem? Und die Pausen? Und außerdem: Beim Faxen hat man immer gleich alles so schwarz auf weiß. Sibylle Zehle