Wir sind alle Viktorianer

No sex, please, we are British! Das muß lange her sein: "Sex am Nachmittag war am besten, dachte Ann." So lesen wir in einem englischen Roman. Und gleich weiter: "Sex am Morgen hatte sie ausreichend genossen: normalerweise bedeutete er: ‚Tut mir leid wegen letzter Nacht, dann eben jetzt’; und manchmal bedeutete er: ‚Das müßte reichen, damit du mich heute den Tag nicht vergißt’; aber weder von der einen noch von der anderen Aussage war Ann entzückt. Sex am Abend, das war, tja, grundlegender Sex. Es war der Sex, dessen Palette reichte von umfassender Glückseligkeit über schläfrig gewährte Zustimmung bis hin zu einem genervten: ‚Hör zu, deswegen sind wir ja schließlich früh ins Bett gegangen, warum fangen wir nicht endlich damit an.‘ Sex am Abend war so gut und so mittelmäßig und mit Sicherheit so unberechenbar, wie Sex es eben sein konnte. Aber Sex am Nachmittag – das war nie bloß eine höfliche Art, die Dinge abzurunden; es war heißer, gewollter Sex."

So locker und selbstverständlich hat man zu Zeiten eines Thomas Hardy oder einer George Eliot über die Liebe noch nicht geredet – und doch steht Julian Barnes, aus dessen Roman "Als sie mich noch nicht kannte" hier zitiert wurde, ganz und gar in der Tradition jener englischen Epen aus dem vergangenen Jahrhundert, in denen die Kraft des Eros Ehen sprengte, Mord und Selbstmord nach sich zog. Barnes zeigt in seinem Roman, daß wogegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zwar leicht und gern über unsere Sexualität reden, damit jedoch die elementare Sprengkraft des Sexus nur oberflächlich zudecken.

Hat die englische Literatur ihre Prüderie abgelegt? Es ist die Frage, ob die britischen Autoren wirklich jemals so viktorianisch waren, wie wir annehmen. Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts zum Beispiel gab es einen Roman, der jetzt bei uns in einer neuen Ausgabe erschienen ist: "Im Dunkeln" von Thomas Hardy. Darin taucht eine der wildesten und wagemutigsten Frauenfiguren dieses britisch verdüsterten Fontane auf: Sue Bridehead, Kusine und Geliebte des Helden Juda Fawley ("Jude the Obscure" heißt der Roman im Original). Sue hat einen älteren Mann geheiratet, einen Schulmeister, dessen körperliches Begehren von ihr zurückgewiesen wird – ein Sakrileg für eine Ehefrau ihrer Zeit. "Was mich so maßlos quält", erzählt sie ihrem zukünftigen Liebhaber Juda, "ist die Pflicht, diesem Mann jedesmal zu Willen zu sein, wenn er möchte... dieser schreckliche Vertrag, der einen zwingen will, auf eine bestimmte Art zu empfinden, in einer Sache, deren eigentliches Wesen ihre Freiwilligkeit ist!"

Daß die Geschichte nicht gut ausgeht, hat die Empörung der viktorianischen Leserschaft nicht bremsen können – auch das rührende Vorwort vermochte es nicht, das Hardy 1895 seinem Buch mit auf den Weg gab: "Dieser Roman wendet sich an erwachsene Männer und Frauen; er versucht das Fieber und die aufreibende Qual, das Leid und Unheil sachlich zu schildern, welches die stärkste Leidenschaft des Menschengeschlechts zuweilen im Gefolge hat;... wie mir scheint, sind diese Dinge so behandelt worden, daß kein Anstoß erregt werden kann."

Er täuschte sich, und zwar gründlich. Ein wahrer Proteststurm tobte über die Insel und hatte Ausläufer bis nach Amerika: Die Ehre der Frau habe er angegriffen, die Moral zersetzt. Als pornographisch stufte man das Werk ein, das "die stärkste Leidenschaft des Menschengeschlechts" nach heutigen Vorstellungen doch eher dezent schildert – daß Hardys Helden von dieser Leidenschaft umgetrieben werden, daran war und ist allerdings kein Zweifel möglich.

Die Empörung, die ihm entgegenschlug, hat den Schriftsteller – er starb 1929 im Alter von 88 Jahren – bewogen, keinen Roman mehr zu verfassen; 1912 schrieb er, die Haltung seiner Landsleute glossierend: "Wir Briten hassen Ideen, und wir werden gemäß diesem Vorrecht unseres Vaterlandes auch leben. Das in dem Roman gezeigte Bild bringt vielleicht nichts Unwahres und nichts Ungewöhnliches, vielleicht entspricht es sogar den Anforderungen, die man an ein Kunstwerk stellt; aber wir, denen es bei Konventionen wohl ist, können es nicht zulassen, daß ein solcher Anblick vom Leben dargestellt wird."

Ein viktorianischer Gentleman wußte sich ohnehin zu helfen. Die Epoche war eine Blütezeit der geheimen Pornographie – und ein Mann mit dem bis heute nicht gelüfteten Pseudonym Walter schrieb Zeit seines Lebens an erotischen Erinnerungen, die er vor hundert Jahren unter dem Titel "My Secret Life" als Privatausgabe drucken ließ: 4200 Seiten in elf Bänden. Ohne die Unmöglichkeit, in jener Zeit offen über Sexualität zu reden, wäre dieses Werk vielleicht nie entstanden.

Wir sind alle Viktorianer

Der britische Schriftsteller John Fowles hat sich in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts darum bemüht, den Abstand zu den viktorianischen Vorfahren literarisch zu vermessen. Sein erfolgreich verfilmter Roman "Die Geliebte des französischen Leutnants" versucht eine Art paradoxe Intervention: "Wir sind, weil wir an die Öffentlichkeit zerren, was sie im privaten Bereich beließen, viel eher ein viktorianisches Jahrhundert – im abwertenden Sinn des Worts –, weil wir mit der Zerstörung so vieler damit verbundener Geheimnisse, Schwierigkeiten, Tabus auch einen Großteil des Vergnügens daran zerstören. Natürlich können wir den Genuß nicht einfach vergleichen und messen; aber das ist vielleicht ein größeres Glück für uns als für die Viktorianer."

Die viktorianische Epoche ist bis heute ein offener oder geheimer Bezugspunkt der englischen Literatur. Und von daher erklärt sich wohl auch, daß Liebe und Ehe in den Romanen fast nie ohne den sozialen Rahmen beleuchtet werden. Das ist bei Fowles, dessen 1969 veröffentlichter Roman 1867 spielt, nicht anders als etwa bei John Wain oder John Braine (deren Romane "Hurry on Down" und "Room at the Top" in den fünfziger Jahren für Aufsehen sorgten) oder neueren Autoren wie Julian Barnes, Ian McEwan und Fay Weldon. Selbst wo die Werke nicht mehr im klassischen Sinn Gesellschaftsromane sind, spielt die jeweilige Epoche eine wesentliche Rolle.

In der englischen Literatur der achtziger Jahre gewinnt noch ein historisches Datum an Bedeutung: die Moralrevolte zwanzig Jahre davor. Von den britischen Inseln aus eroberten damals nicht nur die Beatles, sondern auch die Miniröcke die Welt. "Die Sechziger – was für eine Zeit das war!" lesen wir zu Beginn von Fay Weldons Roman "Herzenswünsche": "Als alle alles wollten und dachten, sie könnten es kriegen, ja, und hätten sogar ein Recht darauf. Ehe und Freiheit. Sex ohne Babies. Revolution ohne Armut. Karrieren ohne Selbstsucht. Kunst ohne Anstrengung. Wissen ohne Auswendiglernen. Mit anderen Worten: Mahlzeit ohne Abwasch. ‚Why don’t we do it in the road?‘ schrien sie. Ja, warum eigentlich nicht?"

Da mußten zwei, die heiraten und Kinder kriegen wollten, schon als sehr mutig gelten. So wie Helen und Clifford aus Fay Weldons Roman. Oder Harriet und David aus Doris Lessings Roman "Das fünfte Kind". "Was machte gerade diese beiden zu solchen Außenseitern?" wird in diesem Roman gefragt. "Es waren ihre Ansichten über Sex! Schließlich befand man sich in den sechziger Jahren!"

Probleme gibt es in beiden Fällen: Harriet und David bekommen nach vier wunderbaren Kindern einen regelrechten Satansbraten, der, ganz in der Tradition eines Thomas Hardy (in "Jude the Obscure" tötet ein Kind zwei andere und sich selbst), die Geschwister drangsaliert. Bei Fay Weldon geht die kleine Nell, das Kind von Helen und Clifford, verloren, als die Ehe dann doch nicht hält. Wie sich – in "Herzenswünsche" – alles wieder zum Guten wendet, wie Neil nach vielen Jahren zurückkehrt, das wird in einer Weise erzählt, die im besten Sinn herzergreifend und herzerfrischend genannt werden kann.

Es ist erstaunlich, über wie viele Stile und Töne die englische Gegenwartsliteratur verfügt – gemeinsam ist den hier erwähnten Büchern vor allem eins: Originalität und Souveränität des Erzählens. Zu den herausragenden Schriftstellern der jüngeren Generation zählt Ian McEwan. Auch in seinem neuen Roman "Ein Kind zur Zeit" verschwindet ein Kind (es ist in der Tat auffällig, welch wichtige Rolle Kindern in der englischen Literatur zugedacht wird). Die dreijährige Kate kommt ihrem Vater, dem Kinderbuchautor Stephen, mitten in einem Supermarkt abhanden. Mit grandioser Eindringlichkeit beschreibt McEwan nicht nur, wie der Mann und seine Frau Julie diesen Verlust erleben, sondern greift weiter aus, zeigt, ohne es zu benennen, das Verschwinden von Kindheit überhaupt – ein beeindruckender Roman, den der Autor in der nahen Zukunft angesiedelt hat.

In diesem Jahr sind in deutschen Verlagen mehr englische Titel als zuvor erschienen (es sei nicht verschwiegen, daß auch mancher Flop dabei ist). Das gibt uns willkommene Gelegenheit, einen kleinen Rundblick zu wagen, eine Literatur näher zu betrachten, die hierzulande in den vergangenen Jahren allzusehr im Windschatten (etwa der italienischen Konkurrenz) gestanden hat.

Wir sind alle Viktorianer

Entdeckungen sind zu machen: Wer kennt hierzulande James Hanley oder Wyndham Lewis, beide schon moderne Klassiker, deren Romane erst jetzt bei uns erscheinen? Philip Larkin, der vor nicht allzu langer Zeit gestorben ist, zählt zu den eigenwilligsten europäischen Lyrikern. Und immer wieder Erzähler: von Graham Greene, dessen – wie er selbst sagt – letzter Roman in diesem Herbst erschienen ist, über John Berger mit seinen faszinierenden Liebesgeschichten bis hin zu einem jüngeren Autor wie Peter Ackroyd, der nicht nur eine umfangreiche Biographie über T. S. Eliot verfaßt hat, sondern auch als Romancier erfolgreich ist. Daß Schriftstellerinnen in der englischen Literatur eine wesentliche Rolle spielen, zeigt sich auch in unserer Beilage: Jane Austen, Virginia Woolf, Edith Sitwell, Angela Carter und die junge Anne Fine aus Schottland stehen hier für viele.

Volker Hage