Der britische Schriftsteller John Fowles hat sich in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts darum bemüht, den Abstand zu den viktorianischen Vorfahren literarisch zu vermessen. Sein erfolgreich verfilmter Roman "Die Geliebte des französischen Leutnants" versucht eine Art paradoxe Intervention: "Wir sind, weil wir an die Öffentlichkeit zerren, was sie im privaten Bereich beließen, viel eher ein viktorianisches Jahrhundert – im abwertenden Sinn des Worts –, weil wir mit der Zerstörung so vieler damit verbundener Geheimnisse, Schwierigkeiten, Tabus auch einen Großteil des Vergnügens daran zerstören. Natürlich können wir den Genuß nicht einfach vergleichen und messen; aber das ist vielleicht ein größeres Glück für uns als für die Viktorianer."

Die viktorianische Epoche ist bis heute ein offener oder geheimer Bezugspunkt der englischen Literatur. Und von daher erklärt sich wohl auch, daß Liebe und Ehe in den Romanen fast nie ohne den sozialen Rahmen beleuchtet werden. Das ist bei Fowles, dessen 1969 veröffentlichter Roman 1867 spielt, nicht anders als etwa bei John Wain oder John Braine (deren Romane "Hurry on Down" und "Room at the Top" in den fünfziger Jahren für Aufsehen sorgten) oder neueren Autoren wie Julian Barnes, Ian McEwan und Fay Weldon. Selbst wo die Werke nicht mehr im klassischen Sinn Gesellschaftsromane sind, spielt die jeweilige Epoche eine wesentliche Rolle.

In der englischen Literatur der achtziger Jahre gewinnt noch ein historisches Datum an Bedeutung: die Moralrevolte zwanzig Jahre davor. Von den britischen Inseln aus eroberten damals nicht nur die Beatles, sondern auch die Miniröcke die Welt. "Die Sechziger – was für eine Zeit das war!" lesen wir zu Beginn von Fay Weldons Roman "Herzenswünsche": "Als alle alles wollten und dachten, sie könnten es kriegen, ja, und hätten sogar ein Recht darauf. Ehe und Freiheit. Sex ohne Babies. Revolution ohne Armut. Karrieren ohne Selbstsucht. Kunst ohne Anstrengung. Wissen ohne Auswendiglernen. Mit anderen Worten: Mahlzeit ohne Abwasch. ‚Why don’t we do it in the road?‘ schrien sie. Ja, warum eigentlich nicht?"

Da mußten zwei, die heiraten und Kinder kriegen wollten, schon als sehr mutig gelten. So wie Helen und Clifford aus Fay Weldons Roman. Oder Harriet und David aus Doris Lessings Roman "Das fünfte Kind". "Was machte gerade diese beiden zu solchen Außenseitern?" wird in diesem Roman gefragt. "Es waren ihre Ansichten über Sex! Schließlich befand man sich in den sechziger Jahren!"

Probleme gibt es in beiden Fällen: Harriet und David bekommen nach vier wunderbaren Kindern einen regelrechten Satansbraten, der, ganz in der Tradition eines Thomas Hardy (in "Jude the Obscure" tötet ein Kind zwei andere und sich selbst), die Geschwister drangsaliert. Bei Fay Weldon geht die kleine Nell, das Kind von Helen und Clifford, verloren, als die Ehe dann doch nicht hält. Wie sich – in "Herzenswünsche" – alles wieder zum Guten wendet, wie Neil nach vielen Jahren zurückkehrt, das wird in einer Weise erzählt, die im besten Sinn herzergreifend und herzerfrischend genannt werden kann.

Es ist erstaunlich, über wie viele Stile und Töne die englische Gegenwartsliteratur verfügt – gemeinsam ist den hier erwähnten Büchern vor allem eins: Originalität und Souveränität des Erzählens. Zu den herausragenden Schriftstellern der jüngeren Generation zählt Ian McEwan. Auch in seinem neuen Roman "Ein Kind zur Zeit" verschwindet ein Kind (es ist in der Tat auffällig, welch wichtige Rolle Kindern in der englischen Literatur zugedacht wird). Die dreijährige Kate kommt ihrem Vater, dem Kinderbuchautor Stephen, mitten in einem Supermarkt abhanden. Mit grandioser Eindringlichkeit beschreibt McEwan nicht nur, wie der Mann und seine Frau Julie diesen Verlust erleben, sondern greift weiter aus, zeigt, ohne es zu benennen, das Verschwinden von Kindheit überhaupt – ein beeindruckender Roman, den der Autor in der nahen Zukunft angesiedelt hat.

In diesem Jahr sind in deutschen Verlagen mehr englische Titel als zuvor erschienen (es sei nicht verschwiegen, daß auch mancher Flop dabei ist). Das gibt uns willkommene Gelegenheit, einen kleinen Rundblick zu wagen, eine Literatur näher zu betrachten, die hierzulande in den vergangenen Jahren allzusehr im Windschatten (etwa der italienischen Konkurrenz) gestanden hat.