Von Manfred Sack

Endlich! denkt man, verwundert darüber, daß das attraktive, Auftraggeber, Erbauer und Benutzer seit Jahrtausenden gleichermaßen erregende Thema jetzt erst diese umfangreiche Behandlung erfahren hat – durch zwei Autoren, die das Metier auch als Handelnde kennen: den Architekten Erwin Heinle und den Bauingenieur Fritz Leonhardt, zwei inzwischen ältere, indessen hellwache Herren, die einst beim Stuttgarter Fernsehturm zusammengearbeitet haben. Was "der kleine Mensch im Laufe der Jahrhunderte allein im Türme-Bauen an Leistungen vollbracht" hat, stimulierte sie schließlich zu diesem großen dicken Bilderbuch: "Türme aller Zeiten, aller Kulturen".

Was ihre Profession von ihnen verlangt – eine auf Reduktion der Mittel gerichtete Denkweise – erlegten sie sich in diesem Buch auf, das sie ausdrücklich jedermann zugedacht haben. Also fallen sie ihren Lesern nicht mit schönen, überflüssigen Erörterungen und Schwärmereien zur Last, sondern fassen sich kurz. Und da sie für Klarheit sind, lassen sie gleich neben dem Inhaltsverzeichnis wissen, wie sie ihr Buch aufgebaut haben, geben auch bekannt, daß der Preis des bilder- und farbenseligen Buches ohne Spender nicht zu bezahlen gewesen wäre und leisten sich die einzige Ausschweifung: Der Leser, meinen sie, habe das zu bedenken. Hat er natürlich nicht.

Es geht mit einer Einleitung los, in der das Bedürfnis des Menschen, sich dem Himmel und seinen Bewohnern verehrend zu nähern, skizziert wird und seine Lust, die Welt von oben hinab zu betrachten, seine Neigung, höheren Wesen sowie sich selber Zeichen aufzurichten, die man weit sieht. Es folgt ein griffiger kulturhistorischer Überblick, der die tieferen Gedanken den Lesern überläßt, ehe sie ins Reich der Türme komplimentiert werden. Es ist, wie es nun schon niemanden mehr überrascht, eigenwillig gegliedert, jedem Kapitel ist eine konzentriert gefaßte Erläuterung vorangestellt.

Es beginnt ehrfürchtig mit Türmen, welche die Natur in die Höhe hat wachsen lassen; es folgen Stelen und Obeliske, dann betritt man blätternd, dabei kurze Erklärungen lesend, die mannigfaltige, wahrhaft erstaunliche Versammlung der Türme aller Stile und aller Art, es sind sagenhafte Türme, Festungs-, Wach- und Wohntürme, Leucht-, Wasser-, Kühl- und Fluchttürme, Geschlechtertürme und Funktürme, Aussichts-, Kirch- und Rathaustürme und, natürlich, Fernsehtürme in übergroßer Zahl. Man sieht am Ende auch turmbekrönte Stadtsilhouetten bei Tag und bei Nacht, auf der Erde stehend und aus der Luft.

"Türme" – das ist, wie leicht zu vermuten, ein sehr unterhaltsames Buch, das sein Lehrprogramm beiläufig vermittelt. Die meist farbigen Photographien sind zum Teil hervorragend und so ungeheuer bunt, daß man sich merklich bei den Schwarz-Weiß-Photos erholt. Trotzdem entgeht einem nicht, daß die Verfasser ihr Publikum nicht bloß vergnügen wollen, sie möchten es auch nachdenklich machen, staunen sowieso. Und so beschließen sie ihr Buch mit dem Wunsch, daß Leser und Betrachter über all "diese An- und Aufsichten nach der Umsicht zu Einsichten" kommen.

"Hohe Gebäude haben die Menschheit zu allen Zeiten fasziniert und Bewunderung erweckt." Und manchmal haben sie wilde Entrüstung hervorgerufen, so wie der Entwurf Gustav Eiffels, der so hemmungslos wie sonst keiner seiner Konkurrenten der Aufgabe in Paris gefolgt war, "ein originales Meisterwerk von der französischen metallverarbeitenden Industrie" zu liefern. Wie es dabei zuging, berichten Ids. Haagsma und Hilde de Hain in ihrem schönen Buch über "Architekten-Wettbewerb – Internationale Konkurrenzen der letzten 200 Jahre".