Amerikaner, Briten und Franzosen sind irritiert über die fehlende Dynamik der bundesdeutschen Wirtschaft

Von Nikolaus Piper

Meist ist es nicht sehr schmeichelhaft, wenn andere Völker ein deutsches Wort in ihren Sprachschatz aufnehmen. Früher einmal war es der blitzkrieg, später le berufsverbot oder le waldsterben. Und jetzt haben englische, amerikanische und französische Zeitungen die standortdebatte entdeckt.

Was vor gut einem Jahr als eine ziemlich selbstquälerische Diskussion in der Bundesrepublik begann, findet inzwischen seinen Reflex in den westlichen Nachbarländern. "West Germany’s Weltschmerz" überschrieb das amerikanische Finanzmagazin Institutional Investor einen Artikel über die Bundesrepublik in seiner Sondernummer zur Jahrestagung von Währungsfonds und Weltbank im September in Berlin, in dem es seinen Lesern aus der internationalen Bankwelt die Merkwürdigkeiten des Gastlandes nahebringen wollte.

Der britische Economist widmete dem vierzigsten Jahrestag der Währungsreform einen Leitartikel unter der mehrdeutigen Überschrift: Wunderkind at 40". Das Titelfoto – ein dicker, wehleidiger Mensch in einer geschmacklosen Trachtenweste, ein bißchen brutal, ein bißchen pervers illustriert trefflich die Schlußfolgerung des Magazins: "Wunderkind at 40 is a worry", es ist ein Kreuz mit den Deutschen.

Die Debatte über die nachlassende Attraktivität des Industriestandorts Bundesrepublik fällt hinein in den Nachhall des Streits zwischen Deutschen und Amerikanern über wirtschaftspolitische Verantwortung in der Welt: Im vergangenen Oktober hatte der damalige amerikanische Finanzminister James Baker die Bundesregierung in ziemlich undiplomatischen Worten zur Belebung ihrer Wirtschaft aufgefordert, den Dollar bewußt heruntergeredet und damit den Zündfunken zum Börsencrash vom 19. Oktober geliefert. Die Berichte über hohe Löhne, hohe Steuern und in der Folge hohe Arbeitslosenzahlen erscheinen jetzt wie ein Beleg für die damaligen Argumente der Amerikaner: Mit ihrer verkrusteten Wirtschaftsstruktur und den enttäuschenden Wachstumsraten verhält sich die Bundesrepublik nicht nur der Weltwirtschaft gegenüber unverantwortlich, sondern schadet auch sich selbst.

Der "langsame Mann Europas"?