Der Augenzeuge

Als ein Arbeiter in S., der schon Rente bezog, und der im Parteilehrjahr einen Vortrag über den faulenden und sterbenden Kapitalismus gehört hatte – worüber dann weitläufig gesprochen worden war –, von einer Reise zu seinem Sohn im Westen zurückkehrte und, halb im Scherz, bei dem nächsten Zirkelabend gefragt wurde: wie es denn nun im faulenden und sterbenden Kapitalismus gewesen sei?, sagte er bedächtig: "Ja, Genossen – aber es ist ein schöner Tod."

Aus Volker Brauns "Arbeit für morgen – Anekdoten", veröffentlicht in Heft 8 der Zeitschrift des Schriftstellerverbandes der DDR, neue deutsche literatur

Doch gesiegt

Es war eine simple Rekonstruktion, aber sie hat ihre Wirkung nicht verfehlt: Der in Köln geborene, in New York lebende Künstler Hans Haacke baute in Graz, mitten auf dem Platz Am Eisernen Tor, jenen Obelisken wieder auf, mit dem die Nazis 1938 der "Stadt der Volkserhebung" ihre Reverenz erwiesen: "Und ihr habt doch gesiegt" stand auf rotem Grund unter einem Hakenkreuz zu lesen – damals und nun wieder, bis vor wenigen Tagen. Am 3. November, um drei Uhr in der Frühe, brannte die Skulptur lichterloh, die im Rahmen des "steirischen herbstes" noch bis zum 8. November gezeigt werden sollte. Obgleich die rekonstruierte Siegessäule nach manchen Protesten aus der Bevölkerung gut bewacht wurde, konnte sich ein Fahrradfahrer mit einem Kanister Benzin nähern und alles in Brand setzen. Die Skulptur war aus verschiedenen Gründen seit Beginn der Ausstellung "Bezugspunkte 38/88" (am 15. Oktober) ein Stein des Anstoßes: Ein Ehepaar aus der Schweiz hatte gleich am ersten Tag auf einem Polizeirevier vorgesprochen und sich über die Nazi-Propaganda beschwert. Daraufhin wurde das Hakenkreuz von Amts wegen verfremdet – obgleich ein schwarzes Band am Fuß des Obelisken die "Besiegten in der Steiermark" aufzählte und damit Zweifel an der Absicht des Künstlers nicht zuließ: "300 getötete Zigeuner, 2 500 getötete Juden, 8 000 getötete oder in der Haft verstorbene politische Gefangene, 9 000 im Krieg getötete Zivilisten, 12 000 Vermißte, 27 900 getötete Soldaten". Andere beschwerten sich denn auch über anderes: etwa darüber, daß das Kunstwerk überflüssig, zu teuer, völlig unverständlich sei, oder darüber, daß Haacke, genau wie es einst die Nazis taten, mit seinem leuchtend roten Obelisken die ehrwürdige Mariensäule am Platz verhüllte. Ein Leser schrieb an sein Lokalblatt, die Nazis hätten damals die Marienstatue sorgsam behandelt – ob man das wohl auch von dem Künstler sagen könne? Es wird nicht mehr festzustellen sein: Die lodernden Flammen zerstörten nicht nur Haackes Skulptur, sie brachten auch die verkleidete Säule darunter zum Einsturz. Kein Anlaß, sich über österreichische Biedermänner und Brandstifter zu erheben – bitte: welche deutsche Stadt hätte den Mut, eine solche Kunstaktion, eine solche brisante Rekonstruktion mitten im Alltag zu wagen?

Hochparterre

Wenn sie so bleibt, gehört ihr unsere stete Neugier: Hochparterre, einer neuen, in Glattburg tief in der Schweiz erscheinenden Zeitschrift, wie es sie zwar in New York (natürlich), aber im deutschsprachigen Gebiet (natürlich) noch niemals gab. Erstens fällt sie durch ihr etwas modisches überlanges Format auf, zweitens durch ihr spielerisches Titelbild, drittens (und vor allem) durch die Vielseitigkeit ihres Inhalts. Hochparterre berichtet über Architektur, Städtebau, Bodenpolitik, Ingenieurkunst, Design und all das, was unsere empfindlich gewordene Umwelt betrifft. Hauptthemen des ersten Heftes sind, annonciert unter folgenden Stichwörtern: "Werk" – eine neue Schule; "Täter" – die Düsseldorfer Designer-Gruppe Kunstflug; "Essay" – der Bauhistoriker und Konstruktivismus-Fachmann Adolf Max Vogt über die Dekonstruktivisten; "Porträt" – über den Brückenbauer Christian Menn; "Projekt" – über eine Stadtplanung. Alle Verfasser dürfen sich ausbreiten; die Illustrierung ist nicht nur bunt und ungewohnt reichhaltig, sondern informativ, leselusterzeugend; der Ton ist bestimmt, die Sprache nach Kräften farbig, dabei präzis, ihr Adressat ist der intelligente Jedermann, auch der vom Fach. Hier wie in den vielen kleinen Berichten, Glossen, Kritiken, Schwätzereien spürt man eine engagierte Redaktion: Sie ist gescheit, frech, auch ironisch, ziemlich kritisch und hat eine Meinung. Man möchte hoffen, daß ihr Verleger die Lust an seinem Blatt behält – auch wenn er seiner Redaktion (Chefredakteur: Benedikt Loderer) einen Herausgeberrat aufgenötigt hat: Man weiß ja, daß derlei Leute oft lieber abraten als raten. Wie auch, wir sind neugierig, was "Macher, Verwalter, Betreiber, Augenmenschen" aus dem Hochparterre (nicht hoch oben, wo die Luft dünn ist, nicht ganz unten, wo der Alltag mieft) künftig berichten werden. Der Anfang war etwas wild, aber intelligent.