Von Per Fischer

Die Nachricht von dem Fall der Stadt Mukden und die damit notwendig gewordene Räumung der Mandschurei durch die chinesischen Regierungstruppen haben in der ganzen Welt große Besorgnisse ausgelöst. Es war zwar seit Monaten klar, daß auf einer immer schmaler werdenden Front nach Durchschneidung der Rückzugslinien die Lage dort auf die Dauer unhaltbar geworden war. Trotzdem hat der nunmehr eingetretene Zusammenbruch als ein schwerer Schock gewirkt. "Hannibal vor den Toren" – der Schrecken droht den Rest von Vertrauen in die Staatsführung hinwegzuschwemmen.

Wie stellt sich der nüchternen Betrachtung die Lage dar? Der Verlust der Mandschurei ist keine Katastrophe in dem Sinne, daß sie notwendigerweise die Krönung des kommunistischen Sieges in China bedeutet. Im wirtschaftlichen Haushalt des chinesischen Reiches hat die Mandschurei praktisch nur eine sehr geringe Rolle gespielt. Die Position der Kommunisten, denen von den abziehenden Russen 1945 alle Trümpfe in die Hand gespielt wurden, war so fest, daß die nationalchinesische Armee von Anfang an in eine aussichtslose Verteidigung gedrängt war.

Die wahre Tragik der jüngsten Ereignisse liegt vielmehr in der Rückwirkung auf die Person Tschiangkaischeks. Für ihn bedeutet die Räumung des nördlichen Vorpostens die schwerste Demütigung, die er in seinem mehr als zwanzigjährigen Kampf für die Einheit Chinas erfahren hat. Sein Bild in der öffentlichen Meinung der Welt ist teils durch übertriebene Glorifizierung, teils durch die haßerfüllte Anprangerung seines "aufgeklärten Despotentums" entstellt. Tschiangkaischeks hervorstechendster Wesenszug ist ein starker Wille, sein Ziel war, die von seinem Lehrmeister und Schwager Sun Yatsen ererbte "unvollendete Revolution" durch die Vereinigung des Landes zu vollenden. Sein und damit Chinas Unglück war es, daß ihm nicht genügend Persönlichkeiten mit staatsmännischen und administrativen Fähigkeiten zur Seite standen und sich ihm die aufbauenden Kräfte versagten, die erforderlich gewesen wären, um China einer nationalen Erneuerung entgegenzuführen. Nur wenige tüchtige, moralisch und charakterlich saubere Kräfte standen zur Verfügung, um den Ruf der Staatsführung und das Vertrauen zu ihr wiederherzustellen. Tschiangkaischek wollte und konnte diese Elemente gegenüber der zäh an der Macht festhaltenden Parteiclique nicht so weit stärken, daß sie fruchtbare Arbeit hätten leisten können. Nur mit ihrer Hilfe wäre es vielleicht möglich gewesen, das zum toten Buchstaben gewordene Parteiprogramm durch eine neue, sammelnde und aufbauende Idee zu ersetzen, die der kommunistischen Propaganda hätte entgegengestellt werden können.

Noch viel weniger kann man erwarten, daß die von jeher vorhandenen separatistischen Bestrebungen einen Weg aus der unglücklichen staatlichen Verstrickung weisen könnten. Diese zentrifugalen Kräfte waren es, denen jede Schwächung der Zentralregierung willkommen war, weil sie sie im eigenen Interesse auszunutzen verstanden. Für sie wird es ein böses Erwachen geben, wenn sie jetzt versuchen, von einem siegreichen Kommunismus den Lohn für ihre Bemühungen einzuheimsen.

Ziehen wir Bilanz der nüchternen Tatsachen: Der Verlust der Mandschurei bedeutet nicht den Untergang Chinas. Die schwerwiegende Folge aber ist die nun offen ausgebrochene Vertrauenskrise um die Person Tschiangkaischeks. Der Kuomintang-Staat ist zerrüttet, Wirtschaft und Heer durch Korruption, Unfähigkeit und Gleichgültigkeit zersetzt. Im Gesetzgebenden Senat sind die ersten Stimmen laut geworden, die sich dafür aussprechen, daß Tschiangkaischek sich "vorübergehend", wie man höflicherweise sagt, von den Staatsgeschäften zurückziehe. Auch dies ein auswegloser Versuch! Denn wer wäre fähig, an Stelle der Marschalls das Staatsruder im Sturm zu übernehmen?

Alles hängt deshalb davon ab, ob es Tschiangkaischek gelingt, eine letzte und bessere Garnitur von Politikern zu finden, denen das gelingt, woran bisher alle anderen scheiterten: dem Kampf gegen den Kommunismus eine Idee und einen Impuls zu geben, der das indolente chinesische Volk aufrütteln könnte.

Wenn dies nicht möglich ist, so wird das Riesenreich auseinanderbrechen. Die Kommunisten, die die äußere Mongolei vom chinesischen Staatskörper abgetrennt haben, gehen in der inneren Mongolei bereits ähnlichen Plänen nach und werden auch in der Mandschurei bald einen selbständigen Staat proklamieren. Nordchina steht als nächster Punkt auf ihrem Programm. Dann wäre jenes Schlagwort Wirklichkeit geworden, das einst der Schrecken chinesischer Patrioten war: China wird zerlegt wie eine Melone.