Der Wahlkampf in Amerika ist vorüber. Der Sieger steht fest. Er hat in den vergangenen Wochen seinen Bürgern allenfalls eine konturlose Perspektive für die Zukunft geboten. Aber dafür borden die führenden politischen Zeitschriften des Landes mit Analysen über und mit Ratschlägen, wie der neue Mann im Weißen Haus mit all den Problemen fertigwerden soll, die Ronald Reagan ihm und der Welt hinterlassen hat. Dabei gehört in den Vordergrund das Thema der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen.

Wie sehen die Bürger es selbst? Daniel Yankelovich und Richard Smoke, der eine der wohl bedeutendste Meinungsforscher, der andere ein bekannter Professor – beschreiben in der Herbstausgabe von Foreign Affairs die Stimmung des Landes. Yankelovich hatte vor acht Jahren, kurz vor Ronald Reagans erstem Sieg, nachgewiesen, wie die Stimmung im Lande sich verhärtete: Die Amerikaner waren die Demütigungen durch Iraner und Terroristen leid, sie hatten von der Hilflosigkeit ihrer Regierung gegenüber sowjetischer Machtausweitung genug. Reagan gab ihnen, was sie suchten.

Aber jetzt ist die Stimmung wieder umgeschlagen. Der alte Präsident in Washington und der junge Generalsekretär in Moskau haben es zuwege gebracht. Jetzt wollen die Amerikaner im Verhältnis zur Sowjetunion "die neuen Möglichkeiten ausloten, aber sie können nicht einfach die Feindschaft und das Mißtrauen beiseite schieben, die in vierzig Jahren angesammelt wurden". Vorsichtig, so die Demoskopen, soll das Verhältnis zur anderen Weltmacht vorangetrieben werden – aber zielstrebig zugleich.

Verhaltene Hoffnung, so lassen sich auch die Analysen der großen Zeitschriften zum Thema Ost-West-Beziehungen zusammenfassen. Der Konsens ist beachtlich, fast schon konventionell. Gorbatschow müsse eben getestet, der Mann im Kreml beim Wort genommen werden, schreibt wie ein Natokommunique Harvard-Professor Graham Allison, vor kurzem noch Berater des republikanischen Verteidigungsministers Weinberger, dann des demokratischen Kandidaten Dukakis, in derselben Ausgabe von Foreign Affairs.

Hoffnungsvoller noch ist Richard Ullman, Professor für Internationale Politik in Princeton, in der Herbstausgabe des Konkurrenzblattes Foreign Policy. Sein Argument: Gorbatschow brauche Erfolge in der Außenpolitik, um seine Riesenreformen im Innern besser vorantreiben zu können. Damit zeichne sich zumindest die Möglichkeit ab, daß "wirkliche Kooperation an die Stelle feindseligen und zerstörerischen Wettbewerbs treten und die Norm in den Beziehungen der Weltmächte zueinander" werden könne.

In Gorbatschows Innenpolitik sieht auch Stephen Meyer vom Massachussetts Institute of Technology, einer der führenden Köpfe in der Garde junger amerikanischer Sowjetexperten, den Anstoß für sowjetisches Umdenken in der Sicherheitspolitik. In International Security (wiederum die Herbstausgabe) weist er nach, wie sehr das "neue Denken" Moskaus in militärischen Bereichen vor allem auch ein Mittel für Gorbatschow ist, um die Prioritäten des sowjetischen Militärs unter politische Kontrolle zu bringen – weil sonst die anderen Reformen gefährdet wären.

Das geht nicht mit Brachialgewalt, sondern indirekt und schrittweise. Kein Wunder deshalb, wenn sich alte und neue Elemente in den Ansätzen Gorbatschows verbinden: Der alte Wunsch nach der Entnuklearisierung Europas mit dem neuen nach modernsten konventionellen Waffen; die Sorge der Militärs über die wachsende Verwundbarkeit der traditionellen sowjetischen Streitkräftestruktur mit dem Wunsch der Politiker, defensive Absichten nach außen zu demonstrieren.