Von Richard Chaim Schneider

Es war ein wahrhaft bedeutungsvolles Datum desallseitigen Gedenkens: 9. November 1938/88. Die zerknirschte deutsche Seele wurde gewärmt, die gepeinigte jüdische durfte mal wieder richtig leiden. Na bitte, alle waren bestens bedient. Die Untaten von "damals" wurden beklagt, der "im Namen des deutschen Volkes" begangene "Holocaust" angeprangert; das Bekenntnis zur "Verantwortung", zur "Versöhnung", zum "Dialog" abgelegt. Volkshochschulen, Kirchen, Museen, das Fernsehen, die Israelitischen Kultusgemeinden agierten; linke wie rechte Politiker nannten den Judenmord "einzigartig", verurteilten den ."Historikerstreit", legten Kränze nieder und fühlten, ganz intensiv, die moralische Verpflichtung gegenüber den "jüdischen Mitbürgern".

Die eine wirklich wichtige Rede, die von Weizsäcker, ging zwar im allgemeinen Getöse erstmal unter, wird aber sicher bald wieder hervorgekramt, um dann ständig zitiert zu werden, zum Beweis, wie aufrecht die Bundesrepublik mit ihrer Vergangenheit umzugehen versteht.

Dann kam unweigerlich der 10. November. Einige Seminare werden noch stattfinden, doch das war’s jetzt. Schluß, aus, fertig. Schließlich müssen wir uns auf zwei neue Jubiläen im Jahre 1989 vorbereiten, die nicht minder wichtig sind: 40 Jahre Bundesrepublik und 50 Jahre Kriegsbeginn. Die Bleistifte für die ersten Leitartikel und Feuilletonbeiträge sind bereits gespitzt, der Tenor ist vorgegeben: Ach, was waren das für schwere Zeiten, was haben auch wir gelitten ...

Es gibt ein israelisches Sprichwort, das lautet:

"There is no business, like Shoah-business". Dieses Geschäft blühte einmal mehr in den letzten Wochen. Doch man wird mittlerweile auch schon mal daran erinnert, daß es noch ein paar andere, ebenso wichtige Probleme auf dieser Welt gebe: Nehmen Sie doch nur mal das Ozonloch oder Tschernobyl, oder haben Sie schon gehört, daß man die Renken aus dem Starnberger See immer noch nicht essen kann: 550 Becquerel pro Fisch, oder waren es 5000?

Fast zwanghaft begebe ich mich immer wieder auf das glatte Parkett öffentlicher Diskussionen oder Symposien, die da lauten: "Deutsch-jüdischer Dialog", "Normalität, aber wie?", "Deutschland und das Palästinenserproblem" (derzeit sehr beliebt!!), "Mit der Schuld leben" (etwas weniger beliebt) und ähnliches mehr. Immer wieder mache ich mich an die Arbeit, und nach jedem Gespräch bin ich etwas enttäuschter als zuvor. Zu eingefahren sind die Argumente ("Ich habe nichts mit der Vergangenheit zu tun, wenn ich mich auf die Seite der Opfer stelle"), zu banal die Verdrängungsmechanismen ("Es hätte ja auch woanders geschehen können"), zu simpel der Hang zu Analogien ("Aber schauen Sie doch, was Stalin gemacht hat").