ZDF, 8. November: "Als die Synagogen brannten", ARD, 9. November:

"Die Reichskristallnacht"

Was kann ein Film erreichen, der zum Gedenken gedreht ist? Zum Gedenken an ein Verbrechen, das fünfzig Jahre her und – da gehen die Meinungen auseinander – ungesühnt, unsühnbar, unvergeßlich, unbegreiflich ist? Daran erinnern ist zu wenig, ein Urteil sprechen zu viel. Aber dies eine kann er: zeigen oder darauf dringen, daß die Sache nicht erledigt ist, daß der kollektive Großversuch, zu begreifen und zu sühnen, so zögerlich und widerwillig er auch betrieben werde, weitergeht, daß "das Verfahren läuft". Die Beiträge beider Programme erfüllten diese Forderung – auf unterschiedlichem Niveau.

Es gibt keine Bilder, das Photographieren und Filmen war am 9. November 1938 untersagt, die Nacht sollte Angst und Scherben, aber keir.e Zeugnisse hinterlassen. Für das Fernsehen ist dieser Umstand ungünstig. Man sieht sich ganz verwiesen aufs Wort, dessen Wirkung indirekt bleibt, da es auf dem Schirm nie ohne Begleitung eines Bildes fällt, da jeder Gedanke an der Hand eines optischen Vormunds hängt.

Hitler und sein Stab in München: Der Pogrom wurde geplant, und niemand war mit einer Kamera zugegen. Was zeigt man, während man davon spricht? Den Schauplatz heute. Ein langer Tisch mit leeren Stühlen – das ist weniger als nichts. Alle Dokumentationen, alle Informationssendungen haben das Problem, Worte, die als solche auf die Welt gekommen sind, als Text, als Bericht, als Zitat, so mit Bildmaterial zu unterlegen, daß sie einleuchten, Geschehnisse, die keine Kamera beobachtet hat, so zu rekonstruieren, daß sie ins Auge springen.

Das ZDF flüchtete zum Spielfilmausschnitt. Da hörte man die Scheiben klirren, sah man die Klamotten auf die Straße fliegen, entsetzte Opfer weinen und grimme Schergen wüten. Zwar blieb das auf die Einstimmung beschränkt, war aber ein Beispiel für den falschen Weg. Auch das düster schwarz-rot ausgeschlagene Studio, in dem Moderator Guido Knopp residierte, vermochte nicht zu überzeugen. Wenn ein Ereignis bilderlos geblieben ist, so kann das Fernsehen es nur veranschaulichen, indem es sich auf das verbliebene Material wirft: die Erinnerung von Zeugen.

Das ZDF, das an Hand von vier Städten, Berlin, Wien, Wolfhagen und Würzburg, konkret wurde, befragte ältere Leute, vornehmlich Opfer. Doch das blieben Spots, die in einem Sammelsurium von Impressionen, Dokumenten, Spielfilmszenen und Kommentaren untergingen. Konsequenter verfuhren Henric L. Würmeling und Jürgen Martin Möller vom Bayerischen Rundfunk. Nach einer schwerfälligen Einleitung kam ein starker Film in Gang, der ganz auf die Vorträge meist unbekannter, ausführlich und genau attestierender Zeugen gebaut war.