/ Von Fredy Gsteiger

Ottawa‚ im November

In seinem Eckbüro im zweiten Stock des Langevin-Gebäudes gegenüber dem Parlament versammelte Kanadas Premierminister Brian Mulroney sein Kabinett zur Befehlsausgabe. Sie mündete in einen Satz: "Der nächste Wahlkampf beginnt heute!" Das war vor vier Jahren. Eben hatten Mulroneys Konservative die nach dem Rücktritt Pierre Trudeaus blutleeren Liberalen vernichtend geschlagen.

Jetzt, vier Jahre später, wenige Tage vor der Wahl am kommenden Montag, scheint Brian Mulroney abgekämpft, als er in der beißenden Kälte Ottawas am Heldendenkmal einen Kranz niederlegt. Sein Lächeln wirkt gequält. Seit sechs Wochen reist der Premier als Wahlkämpfer kreuz und quer durch das riesige Land. Als er den Wahltermin festsetzte, schien den Konservativen eine erneute erdrückende Unterhausmehrheit sicher. Doch nun muß Mulroney erkennen, daß sein höchstes Ziel, erstmals seit John Macdonald 1891 einer konservativen Regierung die Wiederwahl zu sichern, unerreichbar bleiben könnte. Und das, obschon er seit vier Jahren bestrebt ist, allen alles recht zu machen.

Mit einem hat der "irische Junge aus Baie-Comeau", dem abgelegenen Nest in der Provinz Quebec, der bereits als Mittelschüler Premierminister werden wollte, nicht gerechnet: daß für ihn das Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten zum Stolperstein werden könnte.

"Es ist verrückt", ärgert sich Mulroneys politischer Berater Jeff Norquay und schaltet mißmutig das Fersehgerät aus. Eben hatte Oppositionsführer John Turner eine seiner unermüdlichen Attacken gegen das 123 Seiten dicke "Ausverkaufsabkommen" geritten. "Wir haben es mit unserer Konsenspolitik geschafft, die unter Trudeau aufgerissenen Gräben zwischen Ottawa und den selbst- und machtbewußten Provinzen zuzuschütten. Wir haben mit dem Lake-Meech-Abkommen, das Quebec den Status einer société distincte, einer Quasi-Nation einräumt, diese frankophone Provinz wieder fest in die kanadische Verfassung eingebunden. Wir haben dem Land einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung beschert und 1,3 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen. Doch davon redet kein Mensch."