Von Wilfried Kratz

Wird die Qualität des Fernsehangebots Schaden leiden, wenn die Regierung die Marktkräfte entfesselt? Oder wird der Zuschauer lediglich eine größere Auswahl haben und seine Entscheidung per Knopfdruck in einer ähnlichen Weise treffen, wie er als Leser zu Zeitungen und Magazinen greift? In Großbritannien hat eine heftige Diskussion über diese Fragen eingesetzt, nachdem die Regierung Thatcher ihr lang erwartetes Weißbuch über "Rundfunk und Fernsehen in den neunziger Jahren" vorgelegt hat, für die Innenminister Douglas Hurd "mehrere Dutzend Fernsehkanäle und mehrere hundert Radiodienste" in Aussicht stellt.

Wenn man in Großbritannien wissen will, was es im Fernsehen gibt, dann greift man zur Programmzeitschrift oder schlägt die Zeitung auf und studiert das Angebot von vier Kanälen. BBC 1 sendet von morgens um sechs bis Mitternacht. BBC 2 beginnt um neun und strahlt ebenso lange aus. Der regionale ITV-Kanal serviert sein Angebot rund um die Uhr. Der Kanal 4 hat eine mit BBC 2 vergleichbare Programmstruktur und eine ähnliche Sendezeit.

Das britische System besteht aus zwei großen Einheiten. Die über sechzig Jahre alte BBC (British Broadcasting Corporation) hat eine Art öffentlich-rechtlichen Status. Werbung gibt es in ihren Programmen nicht. Der Sender finanziert sich allein aus einer Gebühr, die im Jahr rund eine Milliarde Pfund einbringt. Dafür kann der Zuschauer vier landesweite und eine Anzahl regionaler und lokaler Hörfunk- und zwei Fernsehprogramme empfangen. Die "Tante BBC", wie sie manchmal genannt wird, ist eine nationale Institution, von vielen gerühmt für ihren hohen Standard, von manchen kritisiert für ihre "elitäre Arroganz".

Bis in die fünfziger Jahre beherrschte die BBC die Ätherwellen. Vor dreißig Jahren erlebten die Briten dann die erste "Revolution". Kommerzielles Fernsehen (independent television) kam auf. Seitdem teilt sich die BBC den Bildschirm mit den kommerziellen Gesellschaften, die sich allein aus Werbeeinnahmen (fast eineinhalb Milliarden Pfund im Jahr) finanzieren. Fünfzehn auf Zeit lizenzierte Unternehmen, deren Aktien an der Börse gehandelt werden, operieren in vierzehn Sendegebieten. Sie produzieren regionale Sendungen, aber auch Programme, die ausgetauscht werden (networking), und betreiben gemeinsam den nationalen Nachrichtendienst ITN. Sie finanzieren außerdem den Kanal 4, der den Geschmack von Minderheiten bedienen und nach neuen Ausdrucksformen am Bildschirm suchen soll.

Dieser kommerzielle Sektor wird von einer durch Gesetz eingesetzten Behörde (Independent Broadcasting Authority) beaufsichtigt. Die Wächter sollen aufpassen, daß die versprochene Programmstruktur eingehalten wird, das Angebot als Ganzes keine bestimmte politische Richtung begünstigt und die Darstellung von Sex und Gewalt "akzeptable" Grenzen nicht überschreitet. Sie prüfen außerdem die Werbeeinblendungen, für die in der Regel ein Limit von sieben Minuten pro Stunde gesetzt ist. Daneben beaufsichtigt die Behörde rund fünfzig lokale kommerzielle Rundfunksender.

Großbritannien hat bisher nur ein sehr kleines Fernsehangebot, das per Kabel oder Satellit ins Haus kommt. Es gibt zwar zwei Dutzend lokale Kabellizenzen, aber nur die Hälfte wird auch betrieben. Nur eine viertel Million Haushalte "hängen am Kabel". Die Anbieter sind sehr zurückhaltend, die teure Vorleistung der Verkabelung zu erbringen. Die privatisierte British Telecom hat nicht die Ressourcen eines Postministers Schwarz-Schilling und steckt ihr Geld vornehmlich in die notwendige Digitalisierung des Telephonnetzes. Fernsehen, das per Parabolantenne auf dem Dach von einem Satelliten aufgefangen wird, ist so gut wie unbekannt.