Von Wilfried Kratz

So beliebt wie der Tower in London oder das Schloß in Windsor ist Sellafield als Ausflugsziel noch nicht. Dafür beansprucht dieser größte Standort der britischen Atomwirtschaft jedoch einen Superlativ, der so gar nicht zu einer Anlage passen will, die ein Ausschuß des Unterhauses einmal das „sprichwörtlich schmutzige Ende der Nuklearindustrie“ genannt hat. Aber der Fremdenverkehrsverband dient als Zeuge: Sellafield, wo der Brennstoff aus Atomkraftwerken aufgearbeitet wird, ist „die am schnellsten sich entwickelnde touristische Attraktion des Landes“.

Vor zwei Jahren kamen 64 000 Besucher in den entlegenen Ort in Cumbria an der Irischen See. 1987 waren es 104 000. In diesem Jahr erwartet das brandneue Ausstellungszentrum 150 000 Neugierige, und für das nächste Jahr sind die Ziele noch höher gesteckt. British Nuclear Fuels PLC (BNFL), der Betreiber der Anlage, ist aus seiner Reserve herausgetreten und mit den Mitteln der Public Relations zum Angriff übergegangen. Das viel gescholtene Sellafield soll das saubere Gesicht einer akzeptablen Industrie zeigen, die aus ihren Fehlern gelernt hat und sich dem Publikum öffnet, um dessen Vertrauen zu gewinnen.

Der Weg nach Sellafield führt durch das malerische Cumbria, dessen kahle Berge mit Seen und bewaldeten Hügeln abwechseln, was der Gegend die Bezeichnung „Englische Schweiz“ eingetragen hat. An der Küste gegenüber der Isle of Man trifft man dann auf einen riesigen Industriekomplex, der früher als Windscale bekannt war. Ins Auge fallen vier Kühltürme, die zu Calder Hall gehören, dem ältesten Atomkraftwerk der Welt, das 1956 zum ersten Mal Strom ans Netz abgab.

Zwei hohe Schornsteine kennzeichnen den Ort, wo 1957 ein Atommeiler in Brand geriet und den schwersten nuklearen Unfall in Großbritannien auslöste, dessen Gefährlichkeit damals vertuscht wurde. Der Meiler produzierte Plutonium für die britische Bombe. Der zerstörte Kern wartet ebenso auf seinen teuren Abriß wie ein eiförmiger Versuchsreaktor nebenan, der ebenfalls ausgedient hat. Die alte Magnox-Aufarbeitungsanlage schließt sich an, die noch viele Jahre in Betrieb sein wird, um die Brennstäbe aus den britischen Magnox-Reaktoren aufzunehmen. Dahinter erheben sich, überragt von Baukränen, die ersten Gebäude von Thorp, einer mächtigen Wiederaufarbeitungsanlage, die kürzlich die ersten Brennstäbe aus Japan zur Vorlagerung in Empfang genommen hat. Fast 14 000 Leute arbeiten hier, davon rund 5000 am Bau von Thorp.

Der Ankömmling wird zum Besucherzentrum geleitet. Diese touristische Attraktion besteht aus einer gläsernen Empfangshalle und einem anschließenden fensterlosen Flachbau, dem eigentlichen „Fenster zur nuklearen Welt“, wie der Prospekt verheißt. Filmvorführungen wechseln mit Modellen, Graphiken und praktischen Demonstrationen. Der Besucher wird über die verschiedenen Formen der Energie belehrt und konsequent auf das Atom hingeführt. Er stellt fest, wie „erstaunlich hoch“ Radioaktivität in der Natur oder in einer Uhr mit fluoreszierenden Zeigern ist. Er lernt etwas über die Verwendung radioaktiver Materialien kennen und über Kernspaltung, Reaktorsicherheit und den Brennstoffkreislauf vom Uran bis zur Wiederaufarbeitung und der Behandlung des Abfalls. Er wird gar in den Reaktorkern geleitet, wo ihn eine weibliche Stimme animiert, „die Kraft zu spüren, die Sie hier umgibt“.

Die Botschaft soll überkommen: Die Industrie ist eigentlich „ganz normal“, „Menschen wie du und ich“ arbeiten hier. Die Technik mag nicht jedermann verständlich sein, aber sie ist notwendig für die nationale Energieversorgung. Sie ist offen, hat nichts zu verbergen und ist sicher. Um das noch zu unterstreichen, werden die Besucher in einen Bus gesetzt und durch das Werksgelände gefahren. Das Fahrzeug hält an bestimmten Punkten, wo Erläuterungen per Tonband und Video gegeben werden.