STUTTGART. – Ein weltpolitisches Gespenst, das den Westen lange Zeit beunruhigte, ist verschwunden. Es hat sich so leise aus dem Staub gemacht, daß viele sein Verschwinden gar nicht wahrgenommen haben. Das Gespenst spukte in der klassischen Krisenregion des Balkans. Dort war in einer bestimmten, nicht auszuschließenden Konstellation eine Verschiebung des veitpolitischen Gleichgewichts durch eine Expansion . des sowjetischen Machtbereichs bis an die Gestade des Mittelmeers zu befürchten.

Der neuralgische Bereich war Jugoslawien. Der heterogene Vielvölkerstaat, der Menschen verschiedener Sprache und Religion umfaßt, wurde von der eisernen Klammer seines willensstarken und populären Herrschers Tito zusammengehalten. Tito hatte es vermocht, sich eine eigene Spielart des Kommunismus und Unabhängigkeit von Moskau zu ertrotzen. Zwar kam es nach einer Periode der totalen Entfremdung zu einer formellen Aussöhnung. Aber der Kreml sah in Jugoslawien doch weiterhin einen abtrünnigen Satelliten, der ihm eine machtpolitische Niederlage bereitet hatte. Würde Moskau der Versuchung widerstehen, diese Niederlage wettzumachen, wenn sich eine günstige Gelegenheit bot?

Sie konnte sich nach dem Tod des starken Einigers Tito einstellen, spekulierten damals die westlichen Kreml-Deuter. Die von den nationalen Gegensätzen ausgehenden Spannungen, die sich womöglich in Unruhen und Aufständen entladen würden, ließen sich leicht als eine Bedrohung der Sicherheit des sowjetischen Glacis auf dem Balkan darstellen. Damit könnte Moskau, so wurde damals gemutmaßt, auch militärische Maßnahmen gegen Jugoslawien rechtfertigen, bis zur Errichtung permanenter Stützpunkte an der Adria.

Wie würden die USA mit ihrer sechsten Flotte reagieren? Könnte sich auf diese Weise ein direkter Zusammenstoß der beiden Weltmächte anbahnen? Solche bangen Fragen wurden seinerzeit von vielen gestellt. Jugoslawien galt als eine für den Weltfrieden insgesamt gefährliche Wetterecke.

Tito starb im Mai 1980. Sein Tod löste jedoch nicht sofort eine Krise in Jugoslawien aus. Die Einigungskraft des Verstorbenen hielt das buntscheckige Konglomerat noch eine Reihe von Jahren zusammen.

Aber nun haben sich die Gegensätze und Rivalitäten zwischen den einzelnen Volksstämmen zu offener Feindschaft gesteigert. In der südserbischen Provinz Kosovo fühlen sich die Serben von der albanischen Bevölkerungsmehrheit unterdrückt und verlangen die Entmachtung der Albaner. In Slowenien, wo ein verhältnismäßig liberales Klima herrscht, fürchtet man umgekehrt den neuentfachten serbischen Nationalismus. Schwere wirtschaftliche und soziale Probleme schüren zusätzlich die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit Partei und Regierung trotz mancher Reformansätze. Eine explosive Stimmungslage ist entstanden, die den Vielvölkerstaat zerreißen könnte.

Natürlich bereitet die jugoslawische Krise vielerorts Sorgen. Aber in den zahllosen Berichten, Analysen und Kommentaren taucht das Gespenst einer sowjetischen Intervention nicht auf. Die Krise wird allgemein eher als ein lokales Ereignis auf dem Balkan gewertet, das keine weltpolitischen Verwicklungen heraufzubeschwören braucht.