Es ist ein Faszinosum, man kann es gar nicht anders sagen. Massen werden angelockt, viele sind berauscht, hinterher stehen die meisten dann doch mit leeren Händen da, von einem Almanach mit dem seltsamen Titel Bonnsai 2000 und von einem „Damengeschenk“, einer Porzellanbrosche, einmal abgesehen. Wie viele haben sich extra für diesen Abend ein neues „cremefarbiges, violettblumiges Volantkleid“ zugelegt, einen „gerüschten pinkfarbenen Glitzertüll“, ein „kniekurzes, knallrotes Ballkleid in Tunikastil aus Seidentaft“, einen „pinkfarbenen Stufenrock mit schwarzen Lackpumps“. Oder auch ein „taillenbetontes Abendkleid mit besonders ausgepolsterten Schultern und violetten Orchideenblüten“, das man aber auch andererseits als „langschoßiges cremegrundiges Seidenkleid mit mauvefarbenen Blumen, langen Ärmeln und Blumenapplikationen auf den Schultern“ oder, dritte Variante, profan als „Seidenkleid mit Blütenmuster“ beschreiben kann. So traten also die Damen auf, die Herren in Smoking oder so etwas Ähnlichem. Und wir können sagen, wir sind dabeigewesen: beim Presseball in Bonn.

„Daß der zweite Mann im Staate fehlen würde, war an diesem 11.11. spätestens um 12.12 Uhr klar“, berichtete die Kollegin Marianne Antwerpen im Bonner General-Anzeiger. Philipp Jenninger hatte einige Stunden vorher abgesagt, er war „auf einem noch glatteren Parkett“ ausgerutscht. Man muß dazu wissen, daß an diesem Tag der Karneval im Rheinland beginnt, Bonn bleibt davon nicht verschont. Auch so ein Faszinosum, für das dem Nicht-Rheinländer das Verständnis wohl ewig fehlen wird.

Ballgeflüster: Die Nacht hatte zwei große Themen, Jenningers Rücktritt und die Rücktrittsankündigung von Bernhard Vogel. Die Nachricht, daß er abgewählt worden sei und sein Regierungsamt niederlege („Gott schütze Rheinland-Pfalz“), traf kurz nach 20 Uhr ein und lief blitzschnell herum. Wenige Minuten später eröffneten Marianne und Richard von Weizsäcker und das Ehepaar Strauch „das angeblich wichtigste gesellschaftliche Ereignis“, wie die Süddeutsche Zeitung um eine Spur zu zögerlich schreibt, mit einem „Kaiserwalzer“. Natürlich.

Gerüchte: Ute Lemper, die nun unbedingt auch zum Stichwort Faszinosum gehört, hatte 75 000 Mark Gage für einen Auftritt in Bonn verlangt, was in Bonn so verstanden wurde, daß sie einfach nicht kommen wollte.

Irgendwann müßte man einmal eine Geschichte darüber schreiben, wie die Sitzordnung zustande kommt und wer mit wem unbedingt zusammensitzen möchte, mit wem aber keinesfalls. Das alles wird von einer unsichtbaren Hand gesteuert. Oder auch darüber müßte man schreiben, wie die Bundespräsidenten ihre Tische besetzen. Sie haben nämlich das Recht, Wünsche anzumelden. Wie von selbst versteht sich, daß Richard von Weizsäcker wieder einmal die ausgefeilteste und abgewogenste und wohlüberlegteste Gästerunde des Abends gelungen ist.

Wie in jedem Jahr standen auf den Tischkärtchen wunderschöne, klangvolle Titel: S.E. (Seine Exzellenz), Botschafter von ... Herr Direktor ... Frau Vizepräsidentin... Herr Admiral... Frau Vorsitzende... Herr Dr. Dr. h.c. Schon um Mitternacht wird dann, wie in jedem Jahr, eine Ballzeitung verteilt, in der eigentlich nichts steht außer den Namen aller Teilnehmer in alphabetischer Reihenfolge. Da lesen wir nun schwarz auf weiß, auch wir waren dabei, zwei von 2850.

In der Wochenendpresse liest man dann, was wirklich los war beim Presseball, Das nächste Mal, nimmt man sich vor, möchte man das auch alles miterleben, was man da liest, zum Beispiel, daß der Kanzler beim Tanzen gesungen hat. Gunter Hofmann