Von Michael Schwelien

Der Wetterbericht hatte „wechselhaft“ vorausgesagt, Regen möglich. Doch Mitte des Morgens blies der Wind die Wolken weg, und die durchsichtige Plastikhaube an der Präsidentenlimousine, einem überlangen Lincoln-Cabriolet, konnte entfernt werden. Um 11 Uhr 40 landete die Präsidentenmaschine Air Force One mit John F. Kennedy, seiner Frau Jacqueline und einer größeren Entourage auf dem Flughafen „Love Field“ in Dallas. Die Maschine war acht Minuten zuvor in Fort Worth gestartet; in den vergangenen 24 Stunden hatte der Präsident zudem die texanischen Großstädte San Antonio und Houston besucht. Wahlkampf war es noch nicht, mehr eine Goodwilltour, allerdings mit Blick auf die für 1964 zu erwartende zweite Nominierung.Denn 1960 hatte der Republikaner Richard M. Nixon in Dallas mehr Stimmen bekommen als Kennedy, und dies, obwohl Kennedys Vizepräsidentschaftskandidat Lyndon B. Johnson ein Texaner war, ein favorite son. Die Fahrt durch die Stadt im offenen Wagen sollte der Höhepunkt dieser fünf Monate zuvor geplanten Reise werden, sollte die Popularität des Präsidenten auch hier in dieser konservativen Stadt beweisen, in welcher vier Wochen zuvor der Botschafter Adlai E. Stevenson, ein Liberaler, bespuckt und geschlagen worden war, nachdem er eine Rede am Tag der Vereinten Nationen gehalten hatte.

Auch Lyndon B. Johnson befand sich in des Präsidenten Reisegruppe, kam aber bereits um 11 Uhr 35 im eigenen Flugzeug Air Force Two an. Aus Angst vor einer Doppeltragödie flogen Präsident und Vizepräsident nie in derselben Maschine. Mit einem Unfall, auch mit einem Attentat rechnete man immer. Noch am Morgen dieses 22. November 1963 hatte Kennedy selbst zu seinem Berater Kenneth O’Donnell gesagt: „Wenn jemand wirklich den Präsidenten der Vereinigten Staaten erschießen wollte, wäre das nicht schwer – man müßte sich nur eines Tages mit einem Gewehr mit Zielfernrohr auf ein hohes Gebäude begeben, und niemand könnte irgendetwas tun, um einen solchen Anschlag abzuwehren.“

Nachdem ein Empfangskomitee seinen Willkommensgruß entboten hatte, liefen Jackie und John Kennedy zu einem Drahtzaun, um die Menge der Schaulustigen und die Bewunderer von der Gruppe Grassroots Democrats zu begrüßen. Vizepräsident Johnson und dessen Frau, Lady Bird, folgten. Ein Kordon von Secret-Service-Beamten schirmte die Politikerpaare gegen Reporter und Photographen ab. Ein Spalier der Polizei von Dallas bewachte den Zaun. Beamte in Zivil mischten sich unter die Menge. Etwa zehn Minuten später steuerte das Präsidentenpaar auf den bereitstehenden Autokonvoi zu.

Just zu dieser Zeit fuhr der Angestellte Charles Givens noch einmal mit dem Aufzug in den sechsten Stock des Texas School Book Depository, eines privaten Lieferanten von Schulbüchern in Dallas. Givens hatte sein Jackett mit den Zigaretten in der Tasche oben hängen lassen. Im sechsten Stock sah er einen Kollegen mit Auftragszetteln in der Hand zur südöstlichen Ecke des Lagers gehen. „Junge“, rief Givens, „kommst du mit runter, es ist bald Lunchzeit?“ Der „Junge“, der 24jährige Lee Harvey Oswald, gab vor, noch Arbeitsaufträge erledigen zu müssen. Givens solle auf jeden Fall unten die Gittertür des Aufzuges schließen, damit dieser nicht blockiert werde.

Gegen 11 Uhr 50 setzte sich der Präsidentenkonvoi in Bewegung. Ziel war das Gebäude Dallas Trade Mart, wo die örtlichen Geschäftsleute und Politiker den Präsidenten zu einem Mittagessen empfangen wollten. Ein Voraustrupp prüfte dort bereits, ob die Speisen nicht vergiftet seien. Die örtliche Polizei hatte längst an möglichen Gefahrenpunkten Stellung bezogen, auch an einer Eisenbahnbrücke, unter welcher die Wagenkolonne hindurchfahren mußte. Die Fahrt vom Flughafen zum Trade Mart sollte 45 Minuten dauern. Die Route war so ausgewählt, daß möglichst viele Menschen den Präsidenten sehen konnten. Sie wurde in den örtlichen Zeitungen veröffentlicht. Das Texas School Book Depository lag an ihrem Weg. Aber weder die Polizei von Dallas noch die Secret-Service-Leute inspizierten einzelne Gebäude – das war nicht üblich.

Zwar führte das FBI, die amerikanische Bundeskriminalpolizei, schon seit geraumer Zeit ein Dossier über jenen Lee Harvey Oswald und wußte, daß er, ein selbsterklärter Marxist, bei dem Schulbuchlager beschäftigt war. Doch die Vorschriften über die Zusammenarbeit zwischen Secret Service und FBI sahen lediglich vor, daß die Bundeskriminalpolizei die Geheimagenten bei offenen Drohungen zu informieren habe.