Das Attentat von Dallas

Von Michael Schwelien

Der Wetterbericht hatte "wechselhaft" vorausgesagt, Regen möglich. Doch Mitte des Morgens blies der Wind die Wolken weg, und die durchsichtige Plastikhaube an der Präsidentenlimousine, einem überlangen Lincoln-Cabriolet, konnte entfernt werden. Um 11 Uhr 40 landete die Präsidentenmaschine Air Force One mit John F. Kennedy, seiner Frau Jacqueline und einer größeren Entourage auf dem Flughafen "Love Field" in Dallas. Die Maschine war acht Minuten zuvor in Fort Worth gestartet; in den vergangenen 24 Stunden hatte der Präsident zudem die texanischen Großstädte San Antonio und Houston besucht. Wahlkampf war es noch nicht, mehr eine Goodwilltour, allerdings mit Blick auf die für 1964 zu erwartende zweite Nominierung.Denn 1960 hatte der Republikaner Richard M. Nixon in Dallas mehr Stimmen bekommen als Kennedy, und dies, obwohl Kennedys Vizepräsidentschaftskandidat Lyndon B. Johnson ein Texaner war, ein favorite son. Die Fahrt durch die Stadt im offenen Wagen sollte der Höhepunkt dieser fünf Monate zuvor geplanten Reise werden, sollte die Popularität des Präsidenten auch hier in dieser konservativen Stadt beweisen, in welcher vier Wochen zuvor der Botschafter Adlai E. Stevenson, ein Liberaler, bespuckt und geschlagen worden war, nachdem er eine Rede am Tag der Vereinten Nationen gehalten hatte.

Auch Lyndon B. Johnson befand sich in des Präsidenten Reisegruppe, kam aber bereits um 11 Uhr 35 im eigenen Flugzeug Air Force Two an. Aus Angst vor einer Doppeltragödie flogen Präsident und Vizepräsident nie in derselben Maschine. Mit einem Unfall, auch mit einem Attentat rechnete man immer. Noch am Morgen dieses 22. November 1963 hatte Kennedy selbst zu seinem Berater Kenneth O’Donnell gesagt: "Wenn jemand wirklich den Präsidenten der Vereinigten Staaten erschießen wollte, wäre das nicht schwer – man müßte sich nur eines Tages mit einem Gewehr mit Zielfernrohr auf ein hohes Gebäude begeben, und niemand könnte irgendetwas tun, um einen solchen Anschlag abzuwehren."

Nachdem ein Empfangskomitee seinen Willkommensgruß entboten hatte, liefen Jackie und John Kennedy zu einem Drahtzaun, um die Menge der Schaulustigen und die Bewunderer von der Gruppe Grassroots Democrats zu begrüßen. Vizepräsident Johnson und dessen Frau, Lady Bird, folgten. Ein Kordon von Secret-Service-Beamten schirmte die Politikerpaare gegen Reporter und Photographen ab. Ein Spalier der Polizei von Dallas bewachte den Zaun. Beamte in Zivil mischten sich unter die Menge. Etwa zehn Minuten später steuerte das Präsidentenpaar auf den bereitstehenden Autokonvoi zu.

Just zu dieser Zeit fuhr der Angestellte Charles Givens noch einmal mit dem Aufzug in den sechsten Stock des Texas School Book Depository, eines privaten Lieferanten von Schulbüchern in Dallas. Givens hatte sein Jackett mit den Zigaretten in der Tasche oben hängen lassen. Im sechsten Stock sah er einen Kollegen mit Auftragszetteln in der Hand zur südöstlichen Ecke des Lagers gehen. "Junge", rief Givens, "kommst du mit runter, es ist bald Lunchzeit?" Der "Junge", der 24jährige Lee Harvey Oswald, gab vor, noch Arbeitsaufträge erledigen zu müssen. Givens solle auf jeden Fall unten die Gittertür des Aufzuges schließen, damit dieser nicht blockiert werde.

Gegen 11 Uhr 50 setzte sich der Präsidentenkonvoi in Bewegung. Ziel war das Gebäude Dallas Trade Mart, wo die örtlichen Geschäftsleute und Politiker den Präsidenten zu einem Mittagessen empfangen wollten. Ein Voraustrupp prüfte dort bereits, ob die Speisen nicht vergiftet seien. Die örtliche Polizei hatte längst an möglichen Gefahrenpunkten Stellung bezogen, auch an einer Eisenbahnbrücke, unter welcher die Wagenkolonne hindurchfahren mußte. Die Fahrt vom Flughafen zum Trade Mart sollte 45 Minuten dauern. Die Route war so ausgewählt, daß möglichst viele Menschen den Präsidenten sehen konnten. Sie wurde in den örtlichen Zeitungen veröffentlicht. Das Texas School Book Depository lag an ihrem Weg. Aber weder die Polizei von Dallas noch die Secret-Service-Leute inspizierten einzelne Gebäude – das war nicht üblich.

Zwar führte das FBI, die amerikanische Bundeskriminalpolizei, schon seit geraumer Zeit ein Dossier über jenen Lee Harvey Oswald und wußte, daß er, ein selbsterklärter Marxist, bei dem Schulbuchlager beschäftigt war. Doch die Vorschriften über die Zusammenarbeit zwischen Secret Service und FBI sahen lediglich vor, daß die Bundeskriminalpolizei die Geheimagenten bei offenen Drohungen zu informieren habe.

Das Attentat von Dallas

Jacqueline und John Kennedys Wagen führte die Kolonne an. Mit ihnen fuhren Gouverneur John Connally und dessen Frau Nellie; sie saßen auf den Notsitzen des Lincoln direkt vor den Kennedys. Secret-Service-Agent William Greer steuerte die Limousine, neben ihm Agent Roy Kellerman auf dem Beifahrersitz. Die Trittbretter an den Seiten des Lincoln, Spezialanfertigungen, auf denen Geheimdienstagenten stehen sollten, blieben leer. Kennedy hatte mehrmals insistiert, er wünsche diese Art von Schutz nur, wenn unerläßlich.

Offensichtlich hatte der Präsident die dunkle Vorahnung vom Morgen verdrängt. Er lächelte, er winkte, zweimal ließ er anhalten, um Hände zu schütteln. Jedesmal sprangen die Secret-Service-Agenten aus ihrem Begleitfahrzeug, umringten Kennedy und seine Gattin, um mit dem eigenen Körper das Präsidentenpaar gegen mögliche Angreifer zu schützen. Die Kolonne erreichte die Main Street, die Hauptverkehrsstraße im Downtown von Dallas, näherte sich der als besonders gefährlich eingestuften Eisenbahnbrücke und dem nicht weiter beachteten Schulbuchlager. Der Jubel der Menge wurde, wie man später sagen sollte, "tumultartig". Stolz auf diesen gelungenen Empfang, drehte sich Frau Connally um und rief Kennedy zu: "Herr Präsident, Sie können nicht sagen, Dallas liebt sie nicht." Kennedy antwortete: "Man sieht es!"

Der Präsidentenwagen bog erst in die Houston Street, dann in die Elm Street ein und fuhr langsam – elf Meilen pro Stunde – zur Unterführung unter der Bahnbrücke hinab. Im Wagen des Vizepräsidenten erblickte Secret-Service-Agent Rufus Youngblood, während er die Gebäude musterte, die große Uhr auf dem Schulbuchlager, welches die vorausfahrenden Wagen gerade passiert hatten: 12 Uhr 30.

In den vergangenen vierzig Minuten hatte Oswald, nachdem Givens zum Lunch hinuntergefahren war, ein paar Kartons vor die Fenster an der südöstlichen Ecke im sechsten Stock des Schulbuchlagers gezogen: eine ideale Stelle für ein Attentat. Die Kartons wären niemandem weiter aufgefallen, schließlich standen sie zu Hunderten in den Lagerräumen. Wohl aber hinderten sie die Sicht zufällig Vorbeikommender. Von der Ecke konnte der Konvoi schon in weiter Entfernung gesehen werden; zudem mußte er direkt unter dem südlichen Fenster vorbeifahren. Aus einer Papiertüte nahm Oswald ein zerlegtes Gewehr der Marke Mannlicher-Carcano, Seriennummer C 2766, setzte es zusammen, schraubte ein Zielfernrohr auf. Ein Kinderspiel für einen geübten Scharfschützen: Ein Mannlicher-Carcano läßt sich sogar mit einer Münze in Sekunden zusammenschrauben.

Oswald galt bei seinen Kollegen als "ruhig", als "Einzelgänger". Seinen Vater hatte er nie gekannt. Seinen Lehrern erschien er leidlich intelligent, aber verbissen und in sich gekehrt. Ein Schulpsychiater hatte ihm als 13jährigen schizophrene Neigungen und eine gewisse Gefährlichkeit attestiert. Mit sechzehn ging er von der Schule ab, eine Woche nach seinem siebzehnten Geburtstag trat er in das Marinekorps ein, "weil wir arm waren und ich meiner Mutter nicht zur Last fallen wollte".

Doch der Militärdienst machte ihm keinen Spaß; schon damals beschrieb ihn einer seiner Kameraden als "einsam, eigenbrötlerisch, voller Haß auf den Barras". Zweimal stand er vor dem Kriegsgericht, einmal wegen Besitzes einer nicht gemeldeten Feuerwaffe, ein andermal wegen Aufsässigkeit gegen einen Unteroffizier. Seine Scharfschützenausbildung absolvierte er ohne Bravour. In der Freizeit lernte er Russisch aus einem Berlitz-Lehrbuch. Als er aus dem aktiven Dienst ausschied, machte er sich auf den Weg nach Moskau, ohne seiner Mutter oder seinem Bruder ein Wort davon zu sagen.

Am 16. Oktober 1959 kam Lee Harvey Oswald in der sowjetischen Hauptstadt an, mit dem Zug aus Finnland. Er beantragte die sowjetische Staatsbürgerschaft. Fünf Tage später ordneten die Behörden an, er solle sofort das Land verlassen – spätestens bis acht Uhr abends desselben Tages. Noch am Nachmittag schnitt sich Oswald im Hotelzimmer die Pulsader des linken Armes auf. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus erschien er in der amerikanischen Botschaft, erklärte, er wolle die amerikanische Staatsbürgerschaft aufgeben und die sowjetische annehmen. Auf das "Warum" des amerikanischen Diplomaten antwortete er bündig: "Ich bin Marxist."

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Die Sowjets schienen derweil wenig geneigt, dem jungen Mann seinen Wunsch zu erfüllen. Sie erlaubten ihm lediglich, sich auf Jahresbasis in der Sowjetunion aufzuhalten und schickten ihn nach Minsk, daß er dort in einer Radiofabrik arbeite.

Anscheinend aber waren sie nicht völlig unzufrieden mit dem ungelernten Arbeiter. Jedenfalls verlängerten sie ihm die Aufenthaltsgenehmigung im Jannuar 1961 um ein Jahr. Doch nun hatte Oswald die Lust verloren. Er schrieb an die amerikanische Botschaft und bat, in die Vereinigten Staaten zurückkehren zu dürfen.

In den folgenden Tagen lernte er die 19jährige Pharmakologin Marina Nikolajewna Prusakowa kennen, die er eiligst heiratete. Während der nächsten zwölf Monate betrieb er ihre gemeinsame Ausreise. Das State Department in Washington entschied, er habe seine amerikanische Staatsbürgerschaft nicht verloren. Im Februar 1962 gebar Marina ein Mädchen. Am 1. Juli verließ die kleine Familie Moskau; zwei Wochen später traf sie in Fort Worth, Texas, ein. Das State Department hatte ihnen die Reisekosten vorgestreckt: 435,71 Dollar.

In Fort Worth lebten sie bei Oswalds Bruder Robert. Ein Kreis russischsprechender Bürger half ihnen mit kleinen Lebensmittelspenden, Kleidern und Haushaltsgeräten. Besser vielleicht: Sie halfen Marina, denn niemand mochte Lee Harvey. Auch die FBI-Agenten, die ihn einvernahmen, fanden ihn arrogant und nicht kooperativ. Immerhin erklärte er, nicht in sowjetische Spionage verwickelt zu sein, und versprach dem FBI, er werde es sofort informieren, falls jemand versuche, ihn für Spionagetätigkeiten zu gewinnen.

Trotz alledem gab sich Oswald weiterhin als überzeugter Marxist aus. Er kritisierte die hilfsbereite Gruppe russischsprechender Bürger, weil sie an Demokratie und Kapitalismus glaubten. Er verlor einen Job nach dem anderen. Unter dem angenommenen Namen A. Hidell bestellte er per Post bei einem Waffenhändler in Chicago den italienischen Karabiner Mannlicher-Carcano. Preis: 12,78 Dollar für die Waffe; 7,17 für das Zielfernrohr; 1,50 für die Versandkosten. Unter demselben Namen bestellte er auch einen 38er Revolver der Marke Smith & Wesson, ebenfalls per Post, bei einem anderen Lieferanten.

Am 10. April 1963 versuchte er, den pensionierten Generalmajor Edwin Walker, einen umstrittenen rechtsradikalen Politiker, mit dem Gewehr zu töten.

Bald darauf tauchte er in New Orleans auf: als Sekretär eines Fair Play for Cuba- Komitees, dem ein A. Hidell als Präsident vorsaß. Als Oswald für diese fiktive Ein-Mann-Organisation in New Orleans Pro-Castro-Flugblätter verteilte, kam es zu einer Rangelei. Er wurde festgenommen, wieder einmal vom FBI verhört. Kaum auf freiem Fuße, hatte er zwei Radio-Auftritte – als "Sprecher" des Komitees.

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Marina – zum zweitenmal schwanger, das Kind, ein Mädchen, sollte am 20. Oktober 1963 geboren werden – fand bei einer Bekannten in Irving, Texas, Unterschlupf. Lee Harvey aber fuhr mit dem Bus nach Mexiko City, wo er bei der kubanischen und der sowjetischen Botschaft vorsprach. Er wollte via Kuba wieder in die Sowjetunion reisen. Doch die Kubaner machten ihre Entscheidung von den Sowjets abhängig – und die verweigerten ihm das Visum. Am 3. Oktober traf er in Dallas ein.

Sechs Wochen später, am Donnerstag, dem 21. November, suchte er überraschend seine Frau in Irving auf. Aus der Garage, wo seine Habseligkeiten gelagert waren, holte er ein sperriges Paket mit "Vorhangstangen", das er am folgenden Morgen auf den Rücksitz des Wagens seines Kollegen Buell Wesley Frazier legte, denn es war verabredet, daß er mit Frazier zusammen ins nahe Dallas zurückfahren sollte. Auf dem Parkplatz des Schulbuchlagers angelangt, stieg Oswald aus, griff sein Paket und lief eilig voraus in das Gebäude. Marina, die am Morgen das Baby gefüttert und ihren Mann nicht mehr gesehen hatte, fand auf der Kommode Lee Harveys Ehering, den er noch nie zurückgelassen hatte. In einer Schublade lag sein Portemonnaie. Inhalt: 170 Dollar.

Präsident John F. Kennedy war, wie gesagt, mit gutem Grund nach Texas gereist. Im November 1963 war er knapp drei Jahre im Amt. Die Wahl im Jahre 1960 hatte er mit nur 118 550 Stimmen Vorsprung gewonnen, ein Vorsprung so klein, daß er nicht mehr in greifbaren Prozentzahlen ausgedrückt werden konnte. Seine Popularitätskurve zeigte hektische Ausschläge – nach oben wie nach unten. Er war der jüngste Präsident, der jemals in dieses höchste Amt gewählt worden war. Gleich in den ersten Tagen nach dem Antritt machte er gewaltige Fehler. Und Ende 1963 zeigte seine Amtsführung noch längst kein deutliches Profil. Zwar hatte er in der Außenpolitik Punkte gewonnen, aber die Innenpolitik hatte er bis 1962 vernachlässigt.

Kennedy war in behüteten Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater Joseph P. Kennedy war derart reich gewesen, daß 1957 das Wirtschaftsmagazin Fortune sein Vermögen nur annähernd bewerten konnte: zwischen 200 und 400 Millionen Dollar. Aber während seiner Kindheit und Jugend stand John im Schatten seines nur zwei Jahre älteren Bruders Joseph. Dieser war körperlich größer, schwerer, stärker. Während des Vaters Abwesenheit – er war auch Politiker und später Botschafter in London – übernahm der junge Joseph die Rolle des Familienoberhauptes. Er war aufbrausend und neigte dazu, seine Entscheidungen mit Faustschlägen durchzusetzen.

Doch obwohl chancenlos, setzte sich John zur Wehr. Der jüngere Bruder Robert, der später unter John als Justizminister dienen sollte und 1968 selber den Schüssen eines Einzelgängers zum Opfer fiel, erinnerte sich seinerzeit, wie er sich verängstigt mit den Schwestern in einem der oberen Zimmer des Hauses versteckt hielt, während sie hörten, wie sich unten die älteren Brüder schlugen.

Und die Rivalität beschränkte sich nicht aufs Körperliche. Joseph schien auch der geistig fähigere, der aggressiver nach außen gerichtete der beiden zu sein. Bei John dagegen gab es wenig Anzeichen, daß er eines Tages die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten anstreben würde. Am 29. Mai 1917 in eben jenem Bostoner Ortsteil Brookline geboren, in dem auch Michael Dukakis aufwuchs und heute noch lebt, schien es nur natürlich, daß John wie seine Freunde und Verwandten Student der nahen Elite-Universität Harvard werden sollte. Doch er brach mit der Familientradition und immatrikulierte sich zuerst in Princeton. Ein Rückfall einer früheren Gelbsucht zwang ihn, das Studium abzubrechen. Im zweiten Anlauf dann wurde er Student in Harvard, wiewohl ein mittelmäßiger mit den Noten C (befriedigend). Für die Footballmannschaft war er zu leicht. Als er dennoch spielte, zog er sich eine Rückenverletzung zu, an der er den Rest seines Lebens litt.

Eine Reise nach Europa im Sommer 1937 erbrachte zweierlei: eine Wende zum Guten bei den Hochschulzeugnissen und eine deutliche Vorliebe für eine starke Hand. John wurde in Rom vom Papst und von Kardinalstaatssekretär Pacelli empfangen. Über Pacelli, den späteren erzkonservativen Papst Pius XII., schrieb er an seine Eltern: "Ein toller Kerl". Das System des italienischen Faschismus bewunderte der damals 21jährige John: "Jeder scheint es zu mögen."

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Zurück in Harvard, bekam er plötzlich B’s (gut); 1940 schaffte er den Abschluß cum laude. Für seine schriftliche Arbeit wurde er gar mit magna cum laude ausgezeichnet. Seine These: Das Münchner Abkommen sei nicht zu kritisieren, allenfalls tiefliegendere Faktoren wie die öffentliche Meinung in Großbritannien und der Zustand der britischen Rüstung, welche eine "Kapitulation" vor Hitler unvermeidlich gemacht hätten.

Die Folgen der von ihm selber befürworteten langen Isolation der Amerikaner, des britischen Appeasements und der späten Aufrüstung der Alliierten mußte Kennedy fast mit dem eigenen Leben bezahlen. Nach einem rigorosen Ertüchtigungsprogramm hielt ihn die Marine im Jahre 1941 für kräftig genug, um ihn aufzunehmen, setzte ihn aber gleich an einen Schreibtisch in Washington. Mit Hilfe seines einflußreichen Vaters ließ er sich an die Front versetzen (ganz anders als der neue Vizepräsident Dan Quayle, der sich zwar gerne als zweiter Kennedy sähe, aber seinerseits des Vaters Hilfe benutzte, um den Einsatz im Vietnamkrieg zu vermeiden). Als Kommandeur des Schnellbootes PT-109 kreuzte Kennedy eines Nachts in der Nähe der Salomonen, als plötzlich der japanische Zerstörer Amagiri aus dem Dunkel auftauchte, auf das PT-109 zuhielt, es rammte, in zwei Teile zerschnitt und, ohne die Fahrt zu verlangsamen, davondampfte.

Sechs Tage später wurden Leutnant Kennedy und drei seiner Leute auf einem Atoll gefunden. Selber am Rücken verletzt und an Brandwunden leidend, hatte er den noch schwerer verwundeten Kameraden geholfen, sich erst am Restrumpf des Bootes festzuhalten, bis dieser sank, dann zu einer Insel zu schwimmen, hatte versucht, schwimmend und später in einem Eingeborenenkanu paddelnd, Hilfe zu finden. Kennedy wurde mit dem Orden Purple Heart ausgezeichnet. Aber seine Laufbahn als Marineoffizier war beendet, die erneute Rückenverletzung und eine schwere Malaria nahmen ihm die Kraft. Abgemagert wurde er in die Heimat geschickt, wo er den Rest des Krieges meistens in Spitälern verbrachte.

In Boston erfuhr er vom Schicksal des älteren Bruders Joseph, der sich bis zum Tode als der größere Draufgänger bewiesen hatte. Joseph war am 12. August 1944 in England mit einem experimentellen Flugzeug vom Typ "Liberator" (Befreier) mit 22 000 Pfund TNT an Bord gestartet. Der Auftrag: Der Bomber sollte in die Luft gebracht, die damals noch rudimentären Autopiloten sollten auf eine deutsche V-2-Raketen-Stellung eingestellt werden; Pilot und Copilot wollten sich dann mit dem Fallschirm in Sicherheit katapultieren. Doch der "Liberator" explodierte noch vor der britischen Küste. Joseph war sofort tot.

Der Schatten des Bruders wich nie von John F. Kennedy. Aber des Bruders Kraft und Mut dürften ihm stets auch Ansporn gewesen sein, es nun noch besser zu machen. Sechs Jahre war er Abgeordneter, acht Jahre Senator in Washington. Sechzehn Jahre nach des Bruders Tod zog er ins Weiße Haus ein. Nicht nur war er der jüngste Präsident, er war auch derjenige, der dem bis dahin ältesten, dem über siebzig Jahre alten Exgeneral Dwight D. Eisenhower, ins Oval Office folgte. Und er war der erste Katholik, dem die überwiegend protestantischen Amerikaner die Spitze des Staates anvertrauten.

In seiner Antrittsrede versprach Kennedy Frieden und Wohlstand. Aber der unvergeßliche Kernsatz war sein Appell an den Einzelnen, zu geben und zu dienen, nicht etwa an den Staat, für seine Bürger zu sorgen: "Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst."

Kaum im Amt, geriet der Präsident in den Schlamassel der Interventionspolitik. Kubanische Freischärler im amerikanischen Exil wollten mit Hilfe der CIA dem Revolutionär Fidel Castro die Zuckerinsel wieder entreißen. Bay of Pigs – Schweinebucht – hieß das Desaster, benannt nach der Stelle, wo die Invasionstruppe aufgerieben wurde, als sie vergeblich auf die versprochene amerikanische Hilfe wartete.

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Während des ersten Amtsjahres Kennedys wurde die Berliner Mauer gebaut. Und im Herbst 1962, bei der Kuba-Krise, drohte der Kalte Krieg in den heißen, den atomaren, umzuschlagen. Kennedy wurde zum ersten Präsidenten, der ernsthaft erwog, auf den Knopf zu drücken.

Mit knappen Worten trat ein ernster Kennedy vor die Mikrophone und Kameras, informierte die Welt, daß die Sowjetunion Atomraketen auf Kuba, nur neunzig Meilen vor der Küste der Vereinigten Staaten, installiert habe. Er ordnete die Seeblockade Kubas an und forderte den sowjetischen Partei- und Regierungschef Nikita Chruschtschow auf, die gelieferten Raketen zurückzuziehen, sonst werde "Gewalt angewendet, gemeinsam oder einzeln", um die Blockade durchzusetzen. Der Welt stockte der Atem.

Nach sieben Tagen lenkte der schlaue Chruschtschow ein. Er scheiterte an einem entschlossenen Kennedy. Aber es schien, als brauche dieser erst einmal eine Niederlage – wie jene in der Schweinebucht –, bevor er sich durchzusetzen verstand – vielleicht eine psychologische Nachwirkung der Jugenderlebnisse mit seinem Bruder.

Bei der ersten Kuba-Krise wirkte er unsicher, ließ sich von älteren Beamten beeindrucken. Bei der zweiten wirkte er selbstsicher, war Herr der Lage. Ein Regierungsbeamter sagte: "Er hatte alles im Griff. Er gab Befehle wie ein Offizier und erwartete, daß sie sofort ausgeführt würden."

Die Amerikaner honorierten die Unnachgiebigkeitdes Mannes, den viele für zu charmant, zu intellektuell, zu boyish gehalten hatten. Die Kongreßwahlen 1962 bescherten den Demokraten einen überragenden Sieg. Die Republikaner maulten: "Wir sind kubanisiert worden."

Das Muster, erst zu zaudern, dann sich mit eisernem Willen durchzusetzen, prägte das folgende Jahr. Die Kuba-Krise war noch nicht beendet, da suchte der greise Bundeskanzler Konrad Adenauer den jungen Präsidenten in Washington auf. Chruschtschow hatte gedroht, er werde die "westliche Gräte" (West-Berlin) aus dem "Hals der Sowjets" (DDR) ziehen. Um dies zu erreichen, wollte er einen separaten Friedensvertrag mit der DDR unterzeichnen und ihr die Kontrolle über die Zugänge zum Westteil der geteilten Stadt verschaffen. Erst acht Monate später besuchte Kennedy zur Beruhigung Adenauers die einstige Reichshauptstadt. Dann aber eroberte er die Herzen der Deutschen mit der Beistandserklärung: "Ich bin ein Berliner."

Ebenfalls in jener Zeit wollte Kennedy ein Abkommen über einen nuklearen Test-Stopp aushandeln. Als er zusehen, mußte, wie die Sowjets kaltschnäuzig sogar Atombomben von 50 Megatonnen in der Atmosphäre erprobten, ließ er zunächst die gestoppten unterirdischen Versuche der Amerikaner wiederaufnehmen. Am Ende aber scheute er nicht davor zurück, ebenfalls in der Atmosphäre zu testen.

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Kennedy schickte die ersten amerikanischen Truppen nach Vietnam. Was er wohl getan hätte, als der Dschungelkrieg in Südostasien virulent wurde? Vermutlich wußte er es zu Beginn der sechziger Jahre selber noch nicht.

Die Russen lagen beim Wettlauf im All weit voraus, einer ihrer Kosmonauten hatte schon siebzehn Mal die Erde umrundet, bevor John Glenn die Amerikaner mit seinem Drei-Runden-Flug wieder moralisch aufbaute. Typische Worte Kennedys dazu: "Ich habe immer gesagt, daß dieses Land in den fünfziger Jahren zu spät angefangen ist. Jetzt hinken wir hinterher..., aber wir werden gewaltige Anstrengungen unternehmen, und man wird von diesem Land hören, in der Raumfahrt und auf anderen Gebieten."

Über seinen Bruder, den Justizminister Robert Kennedy, ließ er den schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King bespitzeln – angeblich zu dessen Schutz. Doch als sich der junge Schwarze James Meredith unter dem Schutz von Bundespolizisten und Bundestruppen an der Universität von Mississippi in Oxford einschrieb, kam es zum schwersten Konflikt zwischen der Zentralregierung und einer Staatsregierung seit dem amerikanischen Bürgerkrieg. Kennedy, nunmehr unwiderruflich entschlossen, dem Rassismus die Stirn zu zeigen, entsandte die Nationalgarde zur Hilfe für den schwarzen Studenten.

Als Kennedy am 22. November 1963 winkend und lachend durch die Straßen von Dallas fuhr, wußte er, daß zwar die Demokraten den 87. Kongreß beherrschten, aber er konnte sich seiner Parteigenossen nicht sicher sein. Eine Koalition konservativer Demokraten aus dem Süden und konservativer Republikaner aus dem Norden blockierte seine wichtigsten innenpolitischen Vorhaben: seinen Vorschlag, die öffentlichen Schulen mit Bundesgeldern zu unterstützen; seinen Plan, den Alten im Rahmen der Sozialversicherung wenigstens eine Krankenversicherung zukommen zu lassen; sein Vorhaben, die Überschußproduktion der Farmer streng zu kontrollieren. Der auf der ganzen Welt gefeierte Charismatiker hatte es im eigenen Land viel schwerer, als die Welt später wahrhaben wollte.

Kennedy war nur mit einem minimalen Vorsprung an Wählerstimmen ins Amt gekommen. Aber in dem Electoral College, jenem anachronistischen Wahlmännergremium, in dem die bevölkerungsreichen Bundesstaaten das Sagen haben, hatte er 1960 mit 303 zu 219 Stimmen vor Nixon geführt. Sollte er, so muß er gerechnet haben, 1964 auch noch Texas hinzugewinnen, dann hätte er nach einem überwältigenden Wahlsieg den Kongreß in die Knie zwingen können.

Dallas, 12 Uhr 30, Elm Street. Ein Schuß fällt. Die Hände des Präsidenten wollen den Hals greifen. Einen Augenblick lang scheint er sich zu versteifen. Dann taumelt er im Sitz leicht nach vorn. Die Kugel hat ihn im Genick, etwas rechts von der Wirbelsäule, getroffen, ist vorne, am Hals, ausgetreten, wo sie noch die Krawatte streift.

Der vor Kennedy sitzende Gouverneur John Connally dreht sich nach rechts, seine Frau zieht ihn auf ihren Schoß. Er ist unterhalb der rechten Achselhöhle getroffen, die Kugel tritt unter seiner rechten Brustwarze wieder aus, schlägt immer noch in voller Wucht durch sein rechtes Handgelenk, reißt seinen Oberschenkel auf.

Das Attentat von Dallas

Es knallt ein zweites und ein drittes Mal. Eine der Kugeln trifft John F. Kennedy in den Hinterkopf. Er fällt nach links auf seine Frau. Jacqueline Kennedy hält den tödlich Verwundeten in ihren Armen und schreit: "Mein Gott, sie haben meinen Mann erschossen! Ich liebe dich, Jack!"

Im Wagen des Vizepräsidenten flankt Secret-Service-Agent Youngblood, der den ersten Schuß gehört und "eigentümliche Bewegungen in der Menge" gesehen hat, auf den Rücksitz, drückt Lyndon B. Johnson nach unten, setzt sich auf ihn. In Kennedys Wagen merkt der Fahrer Green nicht gleich, was passiert. Erst nach dem zweiten Schuß tritt er das Gaspedal durch, da Agent Kellerman auf dem Beifahrersitz brüllt: "Raus hier, schnell!" Über Funk weist Kellerman den Polizisten im Vorauswagen an: "Wir sind getroffen. Bringt uns sofort zu einem Krankenhaus!"

Doch die rasende Fahrt zum Parkland Hospital ist vergebens. Der 35. Präsident der Vereinigten Staaten ist klinisch bereits tot.

Die Air Force One überführt seine Leiche nach Washington. Noch an Bord desselben Flugzeugs wird Lyndon B. Johnson im Beisein der Witwe Jacqueline Kennedy als 36. Präsident eingeschworen. Es sind nicht einmal zwei Stunden seit dem Attentat vergangen.

Von Stund an wurde Kennedy zum Mythos. Menschen weinten auf der Straße. In Deutschland versagte einem Radiosprecher die Stimme, als er die Meldung vorlesen wollte. Die ganze Welt kondolierte, nur die Chinesen nicht. Aber viele wollten nicht wahrhaben, daß Kennedy im eigenen Land stets umstritten war. Ich war damals Schüler in Arlington bei Washington. Einer aus meiner Klasse sagte bei der Todesnachricht: "Ich bin froh, daß der Nigger-Liebhaber tot ist." Niemand aus der Klasse kündigte ihm für diesen bösen. Satz die Freundschaft.

Präsident Johnson, ein ausgebuffter Politiker, der genau wußte, wo er im Kongreß die Hebel ansetzen mußte, setzte Kennedys sozialpolitisches Programm unter dem Namen Great Society durch. Aber – Ironie des Schicksals – er scheiterte an jenen jungen Leuten, die Kennedy begeistert hatte. Sie, die zu Beginn der sechziger Jahre Kennedys Peace Corps beigetreten waren, wurden zu den schärfsten Gegnern des zwischenzeitlich voll entbrannten Vietnamkrieges. Ihr Ruf "Hey, hey, LBJ, how many kids did you kill today?" wurde in der ganzen Welt gehört. LBJ, Lyndon Baines Johnson, ging fälschlicherweise als der Initiator des Vietnamkrieges in die Geschichte ein. Er warf 1968 enttäuscht das Handtuch.

Doch zurück nach Dallas. Lee Harvey Oswald war aus dem Schulbuchgebäude verschwunden, bevor die Polizei es versiegelte. Er flüchtete zu Fuß, dann mit dem Bus, schließlich im Taxi. Gegen 13 Uhr erreichte er seine Unterkunft, verließ die Pension aber bald wieder. Gegen 13 Uhr 15 hielt ihn der Polizist J.D. Tippit an, der inzwischen eine erste Beschreibung des Flüchtigen über Funk erhalten hatte. Oswald lehnte gegen die rechte Tür des Streifenwagens. Tippit stieg aus. Als er zwei Schritte gegangen war, zog Oswald seinen Revolver, gab vier Schüsse ab, die alle trafen. Tippit war auf der Stelle tot.

Das Attentat von Dallas

Doch diesmal wurde Oswald beobachtet. Passanten sahen, wie er die leeren Hülsen aus dem Revolver schüttelte, folgten ihm, als er, ohne zu zahlen, in ein Kino rannte. Innerhalb von Minuten umstellte die Polizei das Filmtheater, drehte das Licht auf. Wachtmeister M.N. McDonald befahl dem Verdächtigen, aufzustehen, hörte, wie dieser sagte: "Well, jetzt ist es aus."

Es war noch nicht aus. Am Sonntag, dem 24. November, soll Oswald vom Stadtgefängnis ins Bezirksgefängnis, eine Meile entfernt, überstellt werden. Als er um 11 Uhr 20, flankiert von Kriminalbeamten, aus dem Halbdunkel des Gefängnis-Souterrains tritt und in das gleißende Licht der auf ihn gerichteten Fernsehkameras blinzelt, springt ein Mann nach vorne und feuert einen einzigen Schuß aus einem Revolver. Um 13 Uhr 07 wird Oswald, im Unterleib getroffen, im selben Parkland Hospital für tot erklärt, in dem die Ärzte zwei Tage zuvor ebenfalls vergeblich versucht hatten, Kennedys Leben zu retten.

Oswalds selbsternannter Richter, der Nachtclubbesitzer Jack Ruby, der später wegen dieses Mords zum Tode verurteilt wurde, aber vor der Vollstreckung an Lungenkrebs starb, machte seinerzeit geltend, er habe in Wut über des Präsidenten Tod und in einem vorübergehenden Fall von Depression geschossen. Er sei an keinerlei Verschwörung beteiligt gewesen.

Dies fand auch die von Präsident Johnson eingesetzte Untersuchungskommission unter Vorsitz des Obersten Bundesrichters Earl Warren heraus, die Lee Harvey Oswald ohne Wenn und Aber als "Einzeltäter" bezeichnete. Nach Einvernehmen von 552 Zeugen und Durchsicht von 20 000 Blatt Beweismaterial sowie von 25 000 Vernehmungsprotokollen urteilte die Kommission, die sogar den Vorsitzenden der Anwaltskammer als Verteidiger für Oswald eingesetzt hatte, unzweideutig:

"Die Schüsse, die Präsident Kennedy töteten und Gouverneur Connally verwundeten, wurden von Lee Harvey Oswald abgegeben." Und: "Die Kommission hat keinen Beweis dafür gefunden, daß Lee Harvey Oswald oder Jack Ruby Beteiligte irgendeiner Verschwörung zur Ermordung Präsident Kennedys waren."

Kaum aber war die 26bändige Dokumentation zum Warren-Report erschienen, da setzten Spekulationen über eine Verschwörung ein. Anfang 1967 beschuldigte der Oberstaatsanwalt von New Orleans, Jim Garrison, den Kaufmann und ehemaligen CIA-Informanten, Clay Shaw, der Verschwörung mit dem Ziel, Kennedy zu ermorden. Als Hintermänner hatte Garrison "gewisse Elemente" des CIA im Verdacht. Die Anklage fiel in sich zusammen.

1974 setzte Präsident Gerald Ford, ehedem Mitglied der Warren-Kommission, einen Ausschuß zur Überprüfung des Attentats ein; ein Gremium des Senats und des Abgeordnetenhauses folgten. Beweise für eine Verschwörung fand niemand. Aber neue Theorien blühten auf: CIA-Konspirateure hätten Kennedy umbringen wollen, weil er sich Castro nähern wollte. Umgekehrte Version: Castro habe erfahren, die CIA wolle ihn ermorden, und seinerseits einen Gegenschlag, das Attentat von Dallas, befohlen.

Das Attentat von Dallas

Für den britischen Journalisten Anthony Summers und die beiden ehemaligen Mitarbeiter des amerikanischen Kongresses, Robert Biokey und Richard Billings, schien die Mafia die Zügel in der Hand gehalten zu haben: Kennedys Vater sei während der Prohibition Alkoholschmuggler gewesen, daher hätten die Bandenbosse von John F. Kennedy stillschweigende Duldung erwartet – und sich gerächt, als sie nicht kam.

Am meisten Spekulationen löste der schwächste Punkt der Warren-Untersuchung aus. Einer der drei Schüsse, das ist sicher, war fehlgeschlagen. Daher muß einer der beiden anderen Kugeln sowohl den Präsidenten als auch den Gouverneur getroffen haben. An eine solche Durchschlagskraft wollten viele nicht glauben. Und hatten nicht manche Zeugen von vier Schüssen gesprochen? Doch niemand konnte je den Gegenbeweis liefern, konnte einen Komplizen mit einer zweiten Mannlicher-Carcano ausmachen, der einen vierten Schuß abgegeben hätte.

Im September 1988 hat die amerikanische Justiz ihre Ermittlungen über das Attentat endgültig abgeschlossen. Seit 1983 hatte das Justizministerium noch einmal alle Dokumente geprüft. Ergebnis: Es gibt "keine überzeugenden Beweise" für eine Verschwörung. Gleichwohl lief jüngst über den britischen Privatsender Central eine sogenannte Fernsehdokumentation, in der drei angeblich in Marseille angeworbene Mafiosi als Mörder des Präsidenten präsentiert wurden. Doch alle drei können an jenem Novembertag unmöglich in Dallas gewesen sein.

Auch die Witwe Marina Oswald versucht nun, ihre Version der Geschichte an den Mann zu bringen. Dem Frauenmagazin Ladies’ Home Journal verriet sie, das Attentat sei ein "sehr kompliziertes, brillant durchgeführtes Komplott" gewesen, mit dem man Justizminister Robert Kennedy zum Rücktritt habe zwingen wollen. Lee Harvey sei getötet worden, weil man ihn für "immer zum Schweigen" bringen wollte. Nun hofft Marina Oswald, die seinerzeit ihren Mann schwer belastete, daß die letzten der noch nicht freigegebenen Untersuchungsakten doch noch Neues zu Tage bringen. Denn, so sagt sie: "In diesem wundervollen Land muß es doch möglich sein, die Wahrheit herauszukriegen."