Jacqueline und John Kennedys Wagen führte die Kolonne an. Mit ihnen fuhren Gouverneur John Connally und dessen Frau Nellie; sie saßen auf den Notsitzen des Lincoln direkt vor den Kennedys. Secret-Service-Agent William Greer steuerte die Limousine, neben ihm Agent Roy Kellerman auf dem Beifahrersitz. Die Trittbretter an den Seiten des Lincoln, Spezialanfertigungen, auf denen Geheimdienstagenten stehen sollten, blieben leer. Kennedy hatte mehrmals insistiert, er wünsche diese Art von Schutz nur, wenn unerläßlich.

Offensichtlich hatte der Präsident die dunkle Vorahnung vom Morgen verdrängt. Er lächelte, er winkte, zweimal ließ er anhalten, um Hände zu schütteln. Jedesmal sprangen die Secret-Service-Agenten aus ihrem Begleitfahrzeug, umringten Kennedy und seine Gattin, um mit dem eigenen Körper das Präsidentenpaar gegen mögliche Angreifer zu schützen. Die Kolonne erreichte die Main Street, die Hauptverkehrsstraße im Downtown von Dallas, näherte sich der als besonders gefährlich eingestuften Eisenbahnbrücke und dem nicht weiter beachteten Schulbuchlager. Der Jubel der Menge wurde, wie man später sagen sollte, "tumultartig". Stolz auf diesen gelungenen Empfang, drehte sich Frau Connally um und rief Kennedy zu: "Herr Präsident, Sie können nicht sagen, Dallas liebt sie nicht." Kennedy antwortete: "Man sieht es!"

Der Präsidentenwagen bog erst in die Houston Street, dann in die Elm Street ein und fuhr langsam – elf Meilen pro Stunde – zur Unterführung unter der Bahnbrücke hinab. Im Wagen des Vizepräsidenten erblickte Secret-Service-Agent Rufus Youngblood, während er die Gebäude musterte, die große Uhr auf dem Schulbuchlager, welches die vorausfahrenden Wagen gerade passiert hatten: 12 Uhr 30.

In den vergangenen vierzig Minuten hatte Oswald, nachdem Givens zum Lunch hinuntergefahren war, ein paar Kartons vor die Fenster an der südöstlichen Ecke im sechsten Stock des Schulbuchlagers gezogen: eine ideale Stelle für ein Attentat. Die Kartons wären niemandem weiter aufgefallen, schließlich standen sie zu Hunderten in den Lagerräumen. Wohl aber hinderten sie die Sicht zufällig Vorbeikommender. Von der Ecke konnte der Konvoi schon in weiter Entfernung gesehen werden; zudem mußte er direkt unter dem südlichen Fenster vorbeifahren. Aus einer Papiertüte nahm Oswald ein zerlegtes Gewehr der Marke Mannlicher-Carcano, Seriennummer C 2766, setzte es zusammen, schraubte ein Zielfernrohr auf. Ein Kinderspiel für einen geübten Scharfschützen: Ein Mannlicher-Carcano läßt sich sogar mit einer Münze in Sekunden zusammenschrauben.

Oswald galt bei seinen Kollegen als "ruhig", als "Einzelgänger". Seinen Vater hatte er nie gekannt. Seinen Lehrern erschien er leidlich intelligent, aber verbissen und in sich gekehrt. Ein Schulpsychiater hatte ihm als 13jährigen schizophrene Neigungen und eine gewisse Gefährlichkeit attestiert. Mit sechzehn ging er von der Schule ab, eine Woche nach seinem siebzehnten Geburtstag trat er in das Marinekorps ein, "weil wir arm waren und ich meiner Mutter nicht zur Last fallen wollte".

Doch der Militärdienst machte ihm keinen Spaß; schon damals beschrieb ihn einer seiner Kameraden als "einsam, eigenbrötlerisch, voller Haß auf den Barras". Zweimal stand er vor dem Kriegsgericht, einmal wegen Besitzes einer nicht gemeldeten Feuerwaffe, ein andermal wegen Aufsässigkeit gegen einen Unteroffizier. Seine Scharfschützenausbildung absolvierte er ohne Bravour. In der Freizeit lernte er Russisch aus einem Berlitz-Lehrbuch. Als er aus dem aktiven Dienst ausschied, machte er sich auf den Weg nach Moskau, ohne seiner Mutter oder seinem Bruder ein Wort davon zu sagen.

Am 16. Oktober 1959 kam Lee Harvey Oswald in der sowjetischen Hauptstadt an, mit dem Zug aus Finnland. Er beantragte die sowjetische Staatsbürgerschaft. Fünf Tage später ordneten die Behörden an, er solle sofort das Land verlassen – spätestens bis acht Uhr abends desselben Tages. Noch am Nachmittag schnitt sich Oswald im Hotelzimmer die Pulsader des linken Armes auf. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus erschien er in der amerikanischen Botschaft, erklärte, er wolle die amerikanische Staatsbürgerschaft aufgeben und die sowjetische annehmen. Auf das "Warum" des amerikanischen Diplomaten antwortete er bündig: "Ich bin Marxist."